Vollständige Version anzeigen : Linkshänder im Orchester?
Heitsche
09.03.2005, 11:08
Hallo,
gestern besuchte ich ein wunderschönes Konzert der Niederländischen Philharmoniker. Dabei fiel mir auf, dass keine Linkshänder dabei waren (mein Sohn ist Linkshänder und ich beschäftige mich daher gerade intensiv mit dem Thema). Es scheint mir auch schwierig zu sein, z.B. bei den Violinen wären Links- und Rechtshänder nebeneinander ein echtes Problem. Dennoch stellt sich mir die Frage. Haben Linkshänder gar keine Chance in einem Orchester mitzuspielen? Oder gibt es Linkshänder-Orchester? Jedenfalls erscheint es mir schon ungerecht, dass hier nur Rechtshänder mitspielten.
Weiß jemand mehr dazu?
Vielen Dank und Grüße von Heitsche
>Hallo,
>gestern besuchte ich ein wunderschönes Konzert der Niederländischen Philharmoniker. Dabei fiel mir auf, dass keine Linkshänder dabei waren (mein Sohn ist Linkshänder und ich beschäftige mich daher gerade intensiv mit dem Thema). Es scheint mir auch schwierig zu sein, z.B. bei den Violinen wären Links- und Rechtshänder nebeneinander ein echtes Problem. Dennoch stellt sich mir die Frage. Haben Linkshänder gar keine Chance in einem Orchester mitzuspielen? Oder gibt es Linkshänder-Orchester? Jedenfalls erscheint es mir schon ungerecht, dass hier nur Rechtshänder mitspielten.
>Weiß jemand mehr dazu?
>Vielen Dank und Grüße von Heitsche
Linkshänder im Orchester gibt es.Ich weiß von einem Streicher, der wie gehört habe zwar durch einen Unfall bedingt linkshändig streicht ,aber er ist dabei und ich meine er ist in Bremerhaven am Theater.
>Linkshänder im Orchester gibt es.Ich weiß von einem Streicher, der wie gehört habe zwar durch einen Unfall bedingt linkshändig streicht ,aber er ist dabei und ich meine er ist in Bremerhaven am Theater.<
Es gibt mehrere etablierte Streicher die Schadens- oder Unfallbedingt links herum streichen. Aber normalerweise sieht man die Linkshänder im Orchester eben deshalb nicht, weil sie ihre Instrumente so hantieren wie die Rechtshänder. Was auch immer man da nun von finden mag.
Bei nicht-standardisierten Instrumenten ist das etwas weniger strikt. Ich erinnere mich an eine Monteverdioper in Hamburg wo im Prolog zwei Lautenisten Rücken and Rücken, gespiegelt, auf der Bühne saßen und spielten. Netter Effekt
Tilman
Da ich selber seit 13 Jahren Geige spiele, u.a. in Orchestern melde ich mich auch mal zu Wort. Ich kenne keinen Linkshänder (mich selbst eingeschlossen) der "andersherum" streicht, aber wirklich niemanden. Wir alle haben den Bogen in der rechten, die Geige in der linken Hand, basta. Funktioniert super und keiner springt aus der Reihe im Orchester. ;)
>Da ich selber seit 13 Jahren Geige spiele, u.a. in Orchestern melde ich mich auch mal zu Wort. Ich kenne keinen Linkshänder (mich selbst eingeschlossen) der "andersherum" streicht, aber wirklich niemanden. Wir alle haben den Bogen in der rechten, die Geige in der linken Hand, basta. Funktioniert super und keiner springt aus der Reihe im Orchester. ;)
Es wäre doch erstrebenswert, wennn die nicht umgeschulten Linkshänder auch eine Anstellung ohne Probleme im Orchester bekämen.Das wäre ein echter Fortschritt und eigendlich garnichts besonderes meine ich.
Kriegen sie doch, ohne Probleme. Schau mal, eigentlich sind die Rechtshänder benachteiligt, weil die Tätigkeit, die die Hand (also standartmässig links) bei dem Greifen auf den Saiten vollzieht sehr feinmotorisch ist, die Bogenführung dagegen weniger... Also wie gesagt, ich kenne niemanden der damit nicht klarkommt..
Hallo,
dahinter stecken eigentlich 2 Fragen:
1. Ob es im Orchester LH gibt. Natürlich gibt es sie, und zwar eindeutige, d.h. entdeckte und sehr viele unentdeckte bzw. solche die das zwar wissen aber nicht wahr haben wollen.
2. Ob es Musiker gibt, die tatsächlich seitenverkehrt spielen. Es gibt sie, die meisten aber wegen einer Verletzung. Erst unter den Jüngeren gibt es einige, die wegen LH umgekehrt streichen, blasen oder schlagen. Die Erkenntnis, dass die Händigkeit beim Musizieren beachtet werden muss, ist erst relativ neu (genauer gesagt: sie war in den letzten 100 Jahren verloren gegangen), deshalb gibt es in den Orchestern bisher kaum L-Streicher, bei Bläsern ist es eher üblich, linksspielende Trompeter oder Schlagzeuger z.B. kann man von außen kaum von den RH-Spielern unterscheiden. In den Schülerorchestern gibt es schon ca. 30 junge LH-Streicher, die problemlos integriert werden. Die Berufsorchester haben eher noch Probleme damit, wenn aber zunehmend mehr LH-Spieler "an die Pforte klopfen",wird man sich dem nicht verschließen können. Ich denke, dass man die Reaktion des Publikums falsch einschätzt, im Gegenteil kann ein solch veränderter Anblick sogar zur Lebendigkeit beitragen. (Wer hätte vor 40 Jahren gedacht, dass in der Schule RH und LH heute einträchtig nebeneinander sitzen können??)
Die Frage, ob nun wirklich alle LH seitenvertauscht spielen sollen, ist zu komplex für diese paar Zeilen. Tatsache ist, dass einige "rechtsspielende" LH damit keine (oder nur geringe) Probleme haben, diesen Glücklichen sollte man auch nichts einreden, viele -offensichtlich sehr viele- leiden dagegen stark, d.h. sie sind nicht voll leistungsfähig auf ihrem Instrument. Man darf nie vergessen, dass man nur mit einem Gefühl des "Wohlbefindens" zu einer Höchstleistung, wie es das Spielen eines Instrumentes nun mal ist, fähig ist, mit "Zähnezusammenbeissen und durch" ist da nichts Gutes zu erreichen, im Gegenteil: das kann genau zu den Folgen führen, die man vom umerzwungenen Schreiben kennt.
Zu diesem Thema habe ich einige Artikel geschrieben, nachzulesen z.B. unter www.schott-musik.de Zeitschriften "Das Orchester" 12/2004 oder "Üben&Musizieren" 3/04, jeweils mit dem entsprechenden Schwerpunkt (leider dort nur als Leseprobe einzusehen). Leserbriefe der nächsten Ausgaben zeigen wie groß das Interesse an dem Thema ist. Am 24. September veranstaltet die Hamburger Landesmusikakademie das 1. Symposium für LH und Musizieren.
Unter www. lefthandcorner.de kann man u.a. ein Interview mit meinem geschätzen Kollegen Terje Moe Hansen lesen.
Herzliche Grüße
Walter Mengler
>Hallo,
>gestern besuchte ich ein wunderschönes Konzert der Niederländischen Philharmoniker. Dabei fiel mir auf, dass keine Linkshänder dabei waren (mein Sohn ist Linkshänder und ich beschäftige mich daher gerade intensiv mit dem Thema). Es scheint mir auch schwierig zu sein, z.B. bei den Violinen wären Links- und Rechtshänder nebeneinander ein echtes Problem. Dennoch stellt sich mir die Frage. Haben Linkshänder gar keine Chance in einem Orchester mitzuspielen? Oder gibt es Linkshänder-Orchester? Jedenfalls erscheint es mir schon ungerecht, dass hier nur Rechtshänder mitspielten.
>Weiß jemand mehr dazu?
>Vielen Dank und Grüße von Heitsche
Sorry, da muss ich widersprechen:
es scheint nur so, dass die rechte Hand einfacher zu bewältigen ist. Was diese Hand leisten muss ist ungeheuerlich: es gibt fast unendlich viele Stricharten, diese wiederum fühlen sich nach den Gesetzen der Hebelwirkung an jedem cm der Bogenlänge anders an, mal muss man Gewicht wegnehmen, mal hinzufügen. Das ist feinmotorisch sehr anspruchsvoll, aber man sieht es nicht.
Wichtigster Punkt aber ist die Repetitionfähigkeit der Hand, diese ist in der dominanten Hand ca. 10% höher, das bedeutet, dass die rechte H. des LH oft in einem Grenzbereich arbeiten muss und dadurch schneller ermüdet.
Herauskommen soll aber eine absolut leicht und mühelos wirkende Bewegung.
Gruß
Walter Mengler
>Kriegen sie doch, ohne Probleme. Schau mal, eigentlich sind die Rechtshänder benachteiligt, weil die Tätigkeit, die die Hand (also standartmässig links) bei dem Greifen auf den Saiten vollzieht sehr feinmotorisch ist, die Bogenführung dagegen weniger... Also wie gesagt, ich kenne niemanden der damit nicht klarkommt..
>Sorry, da muss ich widersprechen:
>es scheint nur so, dass die rechte Hand einfacher zu bewältigen ist. Was diese Hand leisten muss ist ungeheuerlich: es gibt fast unendlich viele Stricharten, diese wiederum fühlen sich nach den Gesetzen der Hebelwirkung an jedem cm der Bogenlänge anders an, mal muss man Gewicht wegnehmen, mal hinzufügen. Das ist feinmotorisch sehr anspruchsvoll, aber man sieht es nicht.
>Wichtigster Punkt aber ist die Repetitionfähigkeit der Hand, diese ist in der dominanten Hand ca. 10% höher, das bedeutet, dass die rechte H. des LH oft in einem Grenzbereich arbeiten muss und dadurch schneller ermüdet.
>Herauskommen soll aber eine absolut leicht und mühelos wirkende Bewegung.
>Gruß
Ja das weiss ich aus eigener Erfahrung, wie gesagt ich spiele selber seit mehr als 13 Jahren Geige. Aber ich als LH habe keinerlei Probleme damit die Bogenführung mit der rechten Hand auszuführen, sei es Staccato, Legato oder sonstige Stricharten. Und die LH bei uns im Orchester ebensowenig.. Ich hatte mal das Vergnügen "andersrum" spielen zu dürfen, bei einem Besuchbeim Geigenbauern, aber damit komme ich (persönlich) hinten und vorne nicht klar!!
>>Sorry, da muss ich widersprechen:
>>es scheint nur so, dass die rechte Hand einfacher zu bewältigen ist. Was diese Hand leisten muss ist ungeheuerlich: es gibt fast unendlich viele Stricharten, diese wiederum fühlen sich nach den Gesetzen der Hebelwirkung an jedem cm der Bogenlänge anders an, mal muss man Gewicht wegnehmen, mal hinzufügen. Das ist feinmotorisch sehr anspruchsvoll, aber man sieht es nicht.
>>Wichtigster Punkt aber ist die Repetitionfähigkeit der Hand, diese ist in der dominanten Hand ca. 10% höher, das bedeutet, dass die rechte H. des LH oft in einem Grenzbereich arbeiten muss und dadurch schneller ermüdet.
>>Herauskommen soll aber eine absolut leicht und mühelos wirkende Bewegung.
>>Gruß
>Ja das weiss ich aus eigener Erfahrung, wie gesagt ich spiele selber seit mehr als 13 Jahren Geige. Aber ich als LH habe keinerlei Probleme damit die Bogenführung mit der rechten Hand auszuführen, sei es Staccato, Legato oder sonstige Stricharten. Und die LH bei uns im Orchester ebensowenig.. Ich hatte mal das Vergnügen "andersrum" spielen zu dürfen, bei einem Besuchbeim Geigenbauern, aber damit komme ich (persönlich) hinten und vorne nicht klar!!
Das ist ja auch nicht verwunderlich.Hätten Sie gleich linkshändig ihr Instrument erlernt , würden Sie sicherlich andere Erfahrungen gemacht haben.Es gibt zwar kein wenn und aber , doch Vergleichsmöglichkeiten hat man ja nicht, wennn man gleich falschherum ans Instrument geführt wurde.Alles ist erlernbar rechts, links, verquer und geht auch fast immer.Doch warum sollte nicht angestrebt werden der Veranlagung gemäß sein Instrument zu streichen?Ich habe auch rechts schreiben gelernt und hatte bzw.habe immer Verspannungs- und und Konzentrationsprobleme ,dadurch wurden meine Schulnoten und mein Selbstwertgefühl erheblich gemindert.Mit "Feldenkrais" ist immer wieder einiges ins Lot zu bringen.Schöner wärs der Mensch lebte seiner Veranlagung entsprechend und ist im Lot mit sich. Ein großes Orchester sollte eigendlich immer von einem Physiotherapeut begleitet werden, dennn alle Musiker ob rechts oder linkshändig haben Verspannungen schon durch die einseitige Belastung.Und ein Linkshänder dürfte nochmehr darunter zu leiden haben, der wie ein Rechtshänder streicht.
Elisabeth Ertl
29.03.2005, 00:00
Mich stört das "Basta!" Wer keine Probleme hat, dem sollen auch keine eingeredet werden. Niemand ist um Gottes Willen verpflichtet, eine Hypothese zu stützen. "Basta!" klingt aber so, als ob auch niemand Probleme zu haben hat. Und dagegen wehre ich mich entschieden. Ich hatte als Pianistin jahrelang keine Probleme, aber auf hohem Niveau, an der Leistungsgrenze, musste ich plötzlich zur Kenntnis nehmen, dass meine rechte Hand mit den Rechtshändern nicht mehr mithalten konnte. Es war eine herbe Enttäuschung, gesagt zu bekommen: Ja, Sie haben eine bewundernswerte Ausdrucksfähigkeit, Sie können einen Saal verzaubern, aber das Wesentliche ist, dass Sie die Standardwerke spielen können, die fürs Diplom vorgesehen sind. Tut uns leid, aber Sie bekommen den Abschluss nicht. Ich glaubte jahrelang, mir Vorwürfe machen zu müssen, dass ich das Defizit nicht mit noch mehr Üben ausgeglichen habe. Vor kurzem machte ich den Repetitionstest und stellte zu meiner Überraschung fest, dass nach jahrzehntelangem Training meine linke Hand immer noch 10 % schneller war als die rechte. Es geht nicht um meine Unfähigkeit, es geht um die Unzulänglichkeit des Instruments!
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