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Vollständige Version anzeigen : Tochter LH, entwicklungsverzögert, malt mit rechts, Umschulen?


Antje
05.12.2004, 20:21
Hallo,

ich bin durch unsere Ergotherapeutin auf euer Forum gestoßen, und habe eine nicht so ganz einfache Frage.

Ich selber bin LH, mein Sohn jetzt 3 ist auch sicher LH, und bei meiner Tochter war ich mir auch sicher, daß sie LH ist. Nur, sie malt rechts und schneidet auch rechts und nimmt auch die Gabel rechts aber sonst macht sie alles links:Zähneputzen, Puzzeln, Türme bauen usw. Laut Test ist sie auch eindeutig eine Linkshänderin(die Ergo ist geprüfte Linkshänderspezialistin) Beigebracht habe ich ihr es als LH natürlich nicht :-) und auch im KIga ist die Erzieherin LH,(schreibt aber rechts) und hat sie auch nicht auf die rechte Seite gebracht. Jetzt ist noch das zusätzliche Problem, daß sie behindert ist(Lernbehinderung, muskuläre Hypotonie, Augenmuskellähmung)

und sie sich garantiert dagegen wehren würde, auf einmal mit links zu malen und zu schreiben. Jetzt stehe ich echt vor einem Problem.

Was tun? Sie halt weiter rechts malen und dann später schreiben lassen, oder jetzt versuchen, sie auf links "um zu zwingen"(ich schreiben das so, weil es alles andere als einfach werden würde, weil sie es nicht verstehen würde).

Ach ja, sie ist jetzt 5 Jahre und soll in 2 Jahren in eine Förderschule kommen.

Also ich bin momentan echt ratlos, was ich tun soll.

Hat da jemand einen Tipp für mich, wie ich das bei einem behinderten Kind anstellen soll? Oder soll ich sie machen lassen?

Für Anregungen wäre ich dankbar.

Katja Allani
06.12.2004, 21:32
Hallo Antje,

bei Kindern mit Behinderungen wissen wir nie genau, was im Gehirn für (Gesundungs-)prozesse ablaufen. Deshalb birgt das Eingreifen und bewusste Fördern einer Hand immer ein gewisses Risiko für diese Kinder. Ein zweiter Grundsatz, den ich gelernt habe, ist: Förderung der Grobmotorik ist immer gut, da die Zusammenarbeit beider Gehirnhälften gefördert wird. Diese wird, so vermute ich, bei deiner Tochter intensiv gefördert.

Eine Rückschulung sollte selbst gewollt sein. Und deine Tochter ist bestimmt sowieso herrlich dickköpfig...

Ich denke, du und Kindergarten und Ergotherapeutin fördern durch ein vielfältiges Angebot an Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten bereits gut.


Viele Grüße


Katja

Antje
09.12.2004, 11:19
Hallo Katja,


vielen Dank für deine Antwort. Ich denke, wir werden ihr noch Zeit lassen und gucken ob sie bei rechts bleibt, weil ich sehe wirklich ein großes Problem darin(ihr Unverständnis) auf ein mal mit links anzufangen.

Sie ist durch die Vojta KG auch auf Symmetrie "getrimmt" worden, von daher wird sie wohl auf rechts sehr stark sein, obwohl sie links ist.


Ist nur schwierig, wenn alle Therapeuten unterschiedlicher Meinung sind, die Ergo meint umschulen, die Erzieherin meint "nein", wir meinen "nein" die Kinderpsychiaterin meint "ja".

Da ist es ganz schön schwierig herauszufinden, was man denn nun tun soll.


Ich hoffe, daß die Zeit uns einen Weg weisen wird....


Viele Grüße, Antje

Su
09.12.2004, 12:43
>Ist nur schwierig, wenn alle Therapeuten unterschiedlicher Meinung sind, die Ergo meint umschulen, die Erzieherin meint "nein", wir meinen "nein" die Kinderpsychiaterin meint "ja".


Von den vier Parteien, die du aufzählst befassen sich die zwei, Ergo und Psychaterin, inhaltlich doch wohl am meisten mit dem Zusammenhang Gehirnhälften und Handgebrauch. Noch dazu ist der Beruf des Ergotherapeuten noch ein recht neuer Beruf und die Kinderpsychaterin scheint auch fortschrittlich zu sein oder sich weiter zu schulen (obwohl die direkte Verbindung der Gehirnhälften und der Hände und mögl. Schwierigkeiten durch die Umschulung sogar schon meiner alten Lehrerin bekannt war! Sie hat auf Anraten eines Schularztes ihren lh Sohn schon vor 40 Jahren zurückgeschult, wegen einiger nun auch von Sattler beschriebenen Probleme!). Erzieher und Eltern sind meiner Meinung nach eher geneigt, das althergebrachte weiter zu betreiben.


Also ich würde schon nachdem, was du schreibst mich auf die "Gehirn- und Koordinationsexperten" verlassen und vorsichtig, mit viel Liebe und Lob auf links zurückschulen.


Und aus eigener Erfahrung: deinem umgeschulten Kind entgeht so unendlich viel Freude und Vergnügen, wenn sie statt mit der linken mit der rechten Hand handelt!!! Was ich heute mit links mache geht mir leicht von der Hand, es ist zwar vieles noch etwas holperig, aber dennoch in sich schon so schön stimmig. Interessant in dem Zusammenhang finde ich auch, dass schon gleich von Beginn meiner Rückschulung nicht ein Mensch meine LH angezweifelt hat, auch wenn ich mich anfangs noch so anstellte (z.B. wenn meine Unterschrift mal wieder besonders krakelig ausfiel schoben es die Kassiererinnen von sich aus auf den Stift oder einen schlechten Tag). *grins* Man muss sich eben frei machen von der eigenen Erwartungshaltung und einfach tun, bzw. in deinem Fall solltest du deine Tochter in ihrer Rückschulung positiv unterstützen und sie darin bestärken, ohne ihr das Gefühl zu geben, sie müsse mit ihrer linken Hand nun besser sein, als mit ihrer rechten. Also ihr anfangs überhaupt nicht erst vermitteln wollen, dass sie mit der linken Hand besser ist, sonder vielmehr, dass sie sich mit ihrer linken Hand wohler fühlen wird, sie also auf dieses natürliche Wohlfühlen und in sich richtig sein hinweisen und sie darin fördern!


Su

Su
09.12.2004, 16:07
>Hallo Antje,

>bei Kindern mit Behinderungen wissen wir nie genau, was im Gehirn für (Gesundungs-)prozesse ablaufen. Deshalb birgt das Eingreifen und bewusste Fördern einer Hand immer ein gewisses Risiko für diese Kinder.


Hallo Katja.


Also wenn man wie in Antjes Fall die Händigkeit eines behinderten Kindes dennoch zweifelsfrei feststellen kann, wieso sollte man dann ihre dominante Hand nicht fördern??! Würdest du ihre Tochter tatsächlich weiterhin alles rechts machen und auch die vielen Tätigkeiten die sie noch dazu lernt ebenso mit rechts machen lassen (was sie wegen der besser trainierten rechten Hand ganz sicher machen wird), nur weil du in solch einem Fall nicht eingreifen und bewusst eine Hand fördern willst??!


Su

Katja Allani
11.12.2004, 17:50
Hallo Su,


der Grundsatz lh Kinder sind lh zu fördern, stößt nach meinem Ermessen bei Kinden mit Behinderungen an seine Grenzen, da oft Behinderungen mit der Gehirnentwicklung verknüpft sind. Deshalb kann es sein, dass z.B. die rechte Gehirnhälfte Aufgaben übernimmt, die eher oder vorzugsweise die linke übernehmen würde. Es ist durchaus möglich, dass Gehirnbereiche später wieder "eigentliche" Aufgaben übernehmen können. Dieser Gesundungsprozess sollte nicht gestört werden. Deshalb meine Empfehlung, nicht gezielt die Feinmotorik der rechten oder linken Hand zu fördern, sondern die Förderung ganzheitlich anzubieten (z.B. Bewegungsangebote oder feinmotorische Förderungen mit freier Wahl des Handgebrauchs).


Viele Grüße


Katja

Katja Allani
11.12.2004, 18:08
Hallo Antje,


es ist wirklich immer schwierig zu entscheiden, wenn verschiedene Empfehlungen gegeben werden. Denn die Last der Entscheidung kann dir keiner abnehmen (nur etwas verkleinern). Ich bin auch ein Mensch, der auf das eigene Gefühl vertraut und lauscht, was das betreffende Kind (also deine Tochter) für einen Wunsch / Willen signalisiert.


Eine kleine Buchempfehlung, wenn du möchtest: Sabine Pauli / Andrea Kisch: Geschickte Hände. Feinmotorische Übungen in spielerischer Form.

Dieses Buch ist für Erwachsene gedacht, die mit Kindern im späten Kindergartenalter- und im frühen Grundschulalter zu tun haben, die feinmotorische Störungen bzw. minimalen Hirnfunktionsstörungen aufweisen.


Viel Geduld wünsche ich dir. Deine Tochter wird sehr genau spüren, dass du sie einerseits so aufmerksam begleitest und andererseits die "nötige Luft zum Atmen lässt". Dieses liebevolle Mitschwingen ist das, was so sehr wichtig und schön ist...


Liebe Grüße


Katja

Antje
13.12.2004, 21:19
Liebe Kathia und auch Su,


nach einer nochmaligen Testung der Ergotherapeutin, nach dem meine Tochter eindeutig LH ist, sind wir trotzdem zu der übereinstimmenden Meinung gekommen, daß sie weiter rechts malen darf und auch später schreiben soll.


Das hat den Grund, da ihre Problematik der Behinderung höchstwahrscheinlich eine Hirnorganische Ursache hat, die Genetiker haben zu ihrem Gesamtbild noch keine Diagnose gefunden.


Nur würde es meine Tochter nicht tolerieren, wenn ich auf einmal sie auf die linke Hand zu malen "zwinge". Bei verschiedenen Versuchen diesbezüglich wechselt sie immer nach rechts.


Wir lassen sie jetzt machen, weil selbst die Aussicht auf eine weitergehende Störung wie Legasthenie(die sie eh wahrscheinlich von meinem Mann geerbt hat)oder ähnlich gelagerte Probleme, können wir einfach nicht von dem Gesamtbild der Behinderung ablösen, also weiß ich nicht, ob in ein paar Jahren z.B. die Legasthenie durch meinen Mann vererbt ist, oder durch die Benutzung der rechten Hand zum Schreiben.


Natürlich behalte ich eure Tipps bezüglich Buch und auch Erfahrung im Hinterkopf, aber in erster Linie muß ich den "störungsfreiesten" Weg für meine Tochter finden und der ist nun mal jetzt rechts zu malen.


Ich danke euch für eure Empfehlungen und auch Gedanken.


Viele Grüße, Antje

Su
13.12.2004, 21:57
>Hallo Su,

>der Grundsatz lh Kinder sind lh zu fördern, stößt nach meinem Ermessen bei Kinden mit Behinderungen an seine Grenzen, da oft Behinderungen mit der Gehirnentwicklung verknüpft sind. Deshalb kann es sein, dass z.B. die rechte Gehirnhälfte Aufgaben übernimmt, die eher oder vorzugsweise die linke übernehmen würde. Es ist durchaus möglich, dass Gehirnbereiche später wieder "eigentliche" Aufgaben übernehmen können. Dieser Gesundungsprozess sollte nicht gestört werden. Deshalb meine Empfehlung, nicht gezielt die Feinmotorik der rechten oder linken Hand zu fördern, sondern die Förderung ganzheitlich anzubieten (z.B. Bewegungsangebote oder feinmotorische Förderungen mit freier Wahl des Handgebrauchs).

>Viele Grüße

>Katja




Hallo Katja.


Danke für Deine Antwort. Sie erinnert mich an das, was Fr. Dr. Sattler über eine "Umschulung" bedingt durch Sauerstoffmangel während der Geburt schreibt. Ihr zufolge ist die Blauverfärbung des Neugebohrenen ein Zeichen von Sauerstoffmangel, bei dem in erster Linie das Gehirn zuschaden kommt und zwar die dominante Gehirnhälfte. Als Folge hantiert das Baby zuerst mit seiner NICHT dominanten Seite, und zwar so lange, bis sich sein Gehirn wieder erholt hat, wenn es sich nicht dadurch weiterhin selber umschult, also bei seiner falschen Händigkeit bleibt oder später als Beidhänder in Erscheinung tritt. Ich meine, sie schrieb auch, daß sich die geschädigte dominante Gehirnhälfte jedoch durch die gezielte Förderung der dominanten Hand besser und schneller gesunden kann. Das gleiche müsste doch auf das behinderte Kind von Antje zutreffen, also wenn man die Händigkeit wirklich sicher feststellen kann. ??? Ich weiß auch nicht, vielleicht habe ich da Fr. Dr. Sattler nur falsch verstanden, oder die Ergotherapeutin ist sich selber nicht so sicher. Dann vielleicht zur Sicherheit einen erneuten Test bei einem anderen Tester? Oder überhaupt besser direkt bei der Beratungsstelle von Fr. Dr. Sattler sich über diesen besonderen Fall erkundigen. -?- Ich meine, es gibt dort auch telefonische Beratungen...aber ich driffte gerade ab, möchte Dich auch nicht in Frage stellen, verwirrt mich nur gerade etwas. (-;


Lieben Gruss

Su

Katja Allani
15.12.2004, 16:53
Hallo Su,


bei leichten Hirnschädigunge bzw. Behinderungen und Teilleistungsstörungen ist es sehr schwer(wenn überhaupt möglich), genau einzugrenzen, welche Gehirnbereiche wirklich betroffen sind und wie der Gesundungsprozess (die Entwicklung des Wechselspiels zwischen beiden Gehirnhälften) verläuft. Der Handgebrauch kann Audruck dieser Entwicklung sein, ein festlegender Eingriff diese stören. Deshalb habe ich die ganzheitliche Förderung empfohlen. Und der Willen des Kindes sollte respektiert werden. Vielleicht hat es einen guten Grund, den Handgebrauch so zu leben, wie er ist.


Viele Grüße


Katja


P.S. Ich finde kritisches Nachfragen gut, manchmal irrt man wirklich oder denkt beim Antworten nicht richtig nach.