PDA

Vollständige Version anzeigen : Probleme wenn man Kinder zum Schreiben mit rechts zwingt.


Dagmar
07.07.2003, 20:09
Hallo, bin froh diese Seite gefunden zu haben. Ich bin Linkshaender und wurde ab der ersten Klasse mehr oder weniger gezwungen rechts to schreiben. Nicht mit schlaegen, aber wenn man lange genug auf ein Kind einredet und ihm sagt dass das Anderssein schlecht ist, zweifelt das Kind auch an sich selbst und will sich der Gemeinschaft anpassen. Leider gibt das dann Nachteile. Schreiben kann ich mit der rechten, habe aber verlernt mit der linken zu schreiben (geht nur sehr langsam und ich drehe Worte um in Spiegelschrift). Auch habe ich das Gefuehl dass man damit auch das Gehirn ein wenig durcheinander bringt. Man ist zwar dann mit der rechten Hand ein wenig geuebter, aber wenns ums zeichnen oder malen geht, glaube ich dass man das Talent verliert. Ich male und zeichne mit links (wie auch alle anderen Taetigkeiten) und komme dann oft durcheinander. Auch verdrehe ich Richtungen, sage links wenns nach rechts gehen soll usw. Ich glaube damit kann man viel Ungutes tun, ein Kind auf rechts umzustellen. Wollte mal wissen ob auch andere sowas erlebt haben und auch Probleme haben.

Antje
07.07.2003, 23:53
Hallo Dagmar,


Dir geht es so, wie sehr vielen Linkshändern, die umgeschult worden sind. All Deine Beschreibungen stimmen mit denen überein, die viele von uns haben, ich ebenso und noch leider einiges mehr. Ich bin jetzt aber dabei, mit einer Rückschulung das alles aufzuarbeiten, bzw. die "Schäden" zu lindern.


Wenn Dich es interessiert, es gibt sehr gute Literatur (Bsp. von Fr. Barbara Sattler), um sich selbst als umgeschulter Linkshänder besser zu verstehen.

Und wenn Du Fragen oder andere Anliegen hast, hier findest Du immer jemanden, der Dir antwortet.


Ich wünsch Dir alles Gute


Antje aus Österreich

Nina
08.07.2003, 14:22
Hallo Antje

Danke fuer Deinen Tip fuer das Buch. Es ist schon hoch interessant zu erfahren, dass so eine Umstellung viel tiefer in die Gaenge des Gehirns eingreift als man for Jahren gedacht hat. Ich habe mich gestern mal so auf der Net umgeschaut und habe einiges an Lesematerial gefunden. Unter anderem wurde davon geredet, dass Umstellungen zu psychischen und mentalen Problemen fueren koennen. Eine Mutter beschreibt wie ihr Kind in der Schule notenmaessig abviel, zurueckgezogener wurde und auch agressiver reagierte, was sich dann erheblich verbesserte als das Kind wieder anfing links zu schreiben. Unter anderem war da die Rede von Gedaechtnisstoerungen, Konzentrationsschwaeche, Minderwertigkeitskomplexe, usw...wahrscheinlich durch die Ueberbelastung der nicht-dominierenden Gehirnshaelfte. Ich war teilweise sehr schlecht in der Grundschule und wurde dann aber besser als ich auf die weiterfuehrende Schule ging. Zum Schluss hatte ich solch gute Noten, dass die Lehrerin meinte ich solle das Abitur machen. Als Kind hat es mich immer gestoert Linkshaender zu sein. In der ersten Klasse gabs ausser mir und einem anderen Schueler keine Linkshaender. Ich erinnere mich noch genau wie der Lehrer auf mich eindrang mit rechts zu schreiben. Er zeigte auf den Jungen der auch Linkshaender war und kommentierte, dass er das ja wohl auch gelernt haette und ich mir halt Muehe geben solle rechts zu schreiben. Das hat mich damals sehr betroffen. Ich kam mir sehr anders vor, und hatte das Gefuehl das mit mir was nicht stimmte. Also habe ich dann auf biegen und brechen versucht mit rechts zu schreiben und stundenlang geuebt. Meine Eltern waren natuerlich begeistert. Ich bin stolz darauf Linkshaender zu sein. Wir sind ja doch ne ganz besondere Sorte!!


Danke noch mal


Dagmar

Antje
10.07.2003, 20:38
Hallo Dagmar,

ja die Frau Sattler macht das echt gut und kann einem in ihren Büchern auch sehr gut zum Nachdenken anregen, egal ob man nun Linkshänder ist oder nicht.


Ich war in der Schule ebenfalls recht schlecht, konnte nie die Unterrichtsstunde bis zum Ende verfolgen, bin dan auf dem Schulhof immer in Prügeleien verwickelt gewesen und auch die Hausaufgaben waren ein Kampf für mich. Besonders wenn es mündliche waren. Du hast den ganzen Nachmittag gepaukt, warst dann froh, wenn die Mutter dich abhörte und alles saß und am nächsten Tag... alles weg und angeblich hast du nicht gelernt.


Es war ja nie so, das ich nicht wollte, ich konnte einfach nicht oder es hat mich wahnsinnig viel Kraft und Aufwand gekostet, etwas zu schaffen.


Die Schule habe ich letztendlich recht gut abgeschlossen, überlegte ebenfalls, ob ich noch weitermache, aber das wäre mir zu anstrengend gewesen, freiwillig noch weitere Jahre solchen Streß mich auszusetzen. Schließlich sollte man ja mit oder ohne Abi hinter her noch weiterlernen für den Beruf.

Meine Ausbildung war auch sehr hart, weil dort sehr viel Wert auf Selbststudium gelegt wurde. Sonst kann man beim Unterricht nicht mehr folgen.


So manches Mal war ich auch dort der Verzweiflung nahe, es zu beenden, aber letztendlich habe ich es doch gut geschafft, alles auf Anhieb gut bestanden und arbeite jetzt mit voller Liebe und Begeisterung in meinem Beruf und schule mich freiwillig weiter selbst fort.


Man hat es wirklich nicht leicht als umgeschulter Linkshänder, aber letztendlich packen wir es auch alle irgendwie, oder?


Liebe Grüße

Antje

Jeannine
12.07.2003, 19:41
Hallo Antje,


<<...Es war ja nie so, das ich nicht wollte, ich konnte einfach nicht oder es hat mich wahnsinnig viel Kraft und Aufwand gekostet, etwas zu schaffen...>>

Genauso erging es mir in der Schulzeit, bzw. ab und zu noch auf meinen 2. Ausbildungsweg... Der Vorteil ist, das ich durch meine Rückschulung viel mehr Elan und Selbstbewusstsein bekam. Meine erste Ausbildung hatte ich recht gut abgeschlossen, nur das ich das damals gelernte total vergessen habe )-: Vieles aus meiner Schulzeit muss ich wirklich ganz Neu erlernen, als ob ich vorher noch nie Vorkenntnisse hatte.Damit habe ich mich schon abgefunden. Mein Musikstudium mit integrierter Rückschulung verlief bis jetzt jedoch ganz gut. Ein Semester musste ich ranhängern, da ich sonst die Anforderungen nicht durchstehen würde. Ich merke auch, das ich während der Prüfungen sehr viel Erholung benötige -> kontinuierlich durcharbeiten, das geht bei mir nicht und das würde ich auch niemanden während der Rückschulung raten. Daher konnte ich während der 8 Semester nicht noch einen Job annehmen. Für das zusätzliche Studiensemester möchte ich jedoch eine begleitende Lerntherapie machen, da ich gemerkt habe, das bei einer Rückschulung auf eigene Faust viele Fehler unterlaufen können. Es ist natürlich schwierig, als Student so etwas zu finanzieren, wenn das Geld einfach nicht dafür reicht. Jetzt werde ich hoffentlich durch meine Violine, welche mir bisher eh nur Pech gebracht hatte, die richtige Therapie leisten können.

<<...Man hat es wirklich nicht leicht als umgeschulter Linkshänder, aber letztendlich packen wir es auch alle irgendwie, oder?...>>

Damit liegst du genau richtig, bisher habe ich auch meinen Weg den ich angestrebt habe nicht abgebrochen. Es wäre auch in der heutigen Arbeitsmarktsituation schwierig, alles abzubrechen. Wer 10 Jahre aus dem alten Beruf raus ist hat kaum eine Chance und ungelernt ist man auch schlecht angesehen. Daher ist "Durchhaltevermögen" wirklich noch eine gute Lösung!


Viele Grüße von Jeannine

Antje
13.07.2003, 18:18
Hallo Jeannine,


ich kann mich daran erinnern, das ich auch immer wieder das Gefühl hatte, immer und immer wieder alles neu lernen zu müssen.

In meiner Ausbildung zur Krankenschwester hatten wir auch Chemie und Physik. Es war wirklich nur das einfache Grundwissen, was mir damals in der Schule auch keine Schwierigkeiten bereitete. Aber als es in der Ausbildung angesprochen wurde und sowieso erwartet wurde, das man das alles kennt, stand ich mehr als dumm da. Alles wieder neu gepaukt und nun,nun ist es wieder weg.


Genauso war es, als ich hier in Österreich meinen neuen Dienst im Spital antrat. Zwischen Examen 1998 und dem Arbeitsbeginn hier in meiner neuen Heimat lagen 3 1/2 Jahre, welche ich nicht im Krankenhaus, sondern in der Hauskrankenpflege verbrachte. Dort waren einfach zuviele Dinge, die ich nicht nicht machen musste (Blutentnahmen, Infusionen, die ganzen technischen Geräte bedienen). Da standen andere Dinge im Vordergrund. Als ich dann wieder ins Krankenhaus kam, hatte ich das Gefühl, als sei alles fremd und ich müsse alles neu lernen. Und viele Dinge waren wirklich weg, es musste mir so manches neu gezeigt werden.

Halt so wie früher in der Schule: Du hast es zwar gelernt, aber nichts davon ist geblieben und das macht mir oft zu schaffen.


Einen schönen Abend noch

Antje