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Vollständige Version anzeigen : Fragen zur Linkshändigkeit und zur Umschulung


Kirstin Krap
09.08.2001, 09:08
Also, ich habe mal ein paar Fragen an die verehrte Mitleserschaft:


(1) Falls es unter Euch einen Schwimmer gibt, würde mich mal interessieren, nach welcher seite er beim Kraulschwimmen atmet. (Bei denen, die immer zur gleichen Seite atmen). Ich habe festgestellt, dass ich immer nach rechts atme, habe es mal mit wechselseitigem Atmen versucht, komme aber auf der linken Seite nicht zurecht.

(2) Ich spiele schon seit vielen Jahren mit dem Gedanken, das Schreiben mit der rechten Hand zu erlernen (naja, im Prinzip weiß ich wie es geht, nur lesen kann ich es nach einer Weile nicht mehr). Gibt es jemanden hier, der damit (im Erwachsenenalter) Erfahrungen gemacht hat und mir ein paar Tipps geben kann, worauf ich achten sollte? Ich denke mal, es ist ähnlich der Rückschulung, aber vielleicht gibt es doch hier wie da Besonderheiten.


Vielen Dank, Kirstin

Barbara Jebenstreit
09.08.2001, 11:28
Hallo Kirstin!

Eine Umschulung auf rechts? Ich schätze, das wäre wirklich ähnlich wie eine Rückschulung auf links. Wenn du das wirklich durchziehen wolltest, müßtest du das wohl ähnlich durchziehen.

Die Frage ist, warum? Hast du Zweifel an deiner Linkshändigkeit? Probleme mit dem Schreiben?

Ich würde dir einen solchen Schritt ehrlich gesagt nicht raten. Ich liege gerade in den letzten Zügen meiner Rückschulung. Ich bin über das Resultat sehr glücklich und zufrieden: die Schrift ist besser lesbar, das Schreiben ist einfacher, keine Schmerzen in der Hand bei schnellen oder langen oder Schreiben oder wenn ich viel geschrieben habe. Keine Lederstützte für das Handgelenk mehr. Und generell bin ich gelassener und glücklicher geworden.

Ich habe aber auch gespürt, wie groß dieser Schritt war. Man muß innerlich noch einmal Kind werden und eine Art zweiter Kindergartenzeit durchleben. Es gibt Tage, da war die Übung sehr anstrengend und frustierend. Mein Freund hat mir sehr geholfen. Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft.

Warum ich mich darüber so austobe hat folgenden Grund: der Wechsel, so glaube ich war nur darum positiv weil

1) ich von der Seite die *nicht* vorgesehen war, zur *vorgesehenen* Seite wechselte. Wenn man so will: die Hardware war schon verlegt, die *korrekte* Software mußte neuinstalliert werden. Wenn du jetzt hingehst un die *korrekte* durch *inkorrekte* Software ersetzt, könnte es einen Systemcrash geben.

2) ich habe meinen Freund als Mentor zur Seite gehabt. Das hat glücklicherweise ausgereicht. Vielleicht weil ich generell stabil genug war, ich weiß es nicht. Aber ich denke, in anderen Situationen, unter Stress, familiären oder gesundheitlichen Belastungen kann so etwas ohne psychologische Hilfe schief gehen. Oder auch mit einer solchen Hilfe. Eine Rückschulung ist, als ob man die Resettaste am Rechner drückt - entweder er lädt korrekt wieder hoch. Oder er crasht. Und bei einer Umschulung im Erwachsenealter fürchte ich, könnte es auch einen Crash geben. Du hast bestimmt einmal "Der Knoten im Gehirn oder der umgeschulte Linkshänder" gelesen. Im Vorwort beschreibt Frau Sattler die tragischen Konsequenzen einer Umschulung (nicht Rückschulung) im Erwachsenenalter.

In einer email weiter unten schreibst du, daß du als Linkshänderin gut zurechtkommst. Warum also wechseln? Ich weiß, letzlich ist es deine Entscheidung. Sorry, wenn ich sehr vehement bin. Aber ich fühl mich, wie eine Blinde die begonnen hat zu sehen. Und jemanden sieht, der sich die Augen ausstechen will.

Pass auf dich auf,

Barbara

Olli
10.08.2001, 01:31
Ich kann das von Barbara geschriebene nur unterstreichen.

Willst Du Dich wirklich, aus freien Stücken, einer UMSCHULUNG unterziehen? Denn, in Deinem Fall handelt es sich in keiner Weise um eine Rückschulung.

Also, eine Umschulung mit allen primären und sekundären Folgen, die sich im Erwachsenenalter noch potenzieren, da es ein EINGRIFF in das weitgehend fertig Strukturierte Gehirn ist und diese Strukturen und Denkmuster, -vorgänge völlig aufgebrochen werden. Also, überlege es Dir wirklich genau, ob Du Dich freiwillig zum geistigen Krüppel und ein Experiment mit Deinem Gehirn machen willst.

Hier noch einmal zur Erinerung die unweigerlich auftretenden Folgen.

Primär:

- Gedächtnisstörungen (besonders beim Abrufen von Lerninhalten)

- Konzentrationsstörungen (schnelle Ermüdbarkeit)

- legasthenische Probleme

- Raum-Lage-Labilität

- feinmotorische Störungen ( die sich im Schriftbild äußern)

- Sprachstörungen (Stammeln bis Stottern)

Diese können sich dann in unterschiedliche Sekundärfolgen umsetzen.


Falls diese Argumente noch nicht gereicht haben sollten, Dich umzustimmen, kann ich Dir nur wärmstens empfehlen, Das ganz persönliche Vorwort im Buch:"Der umgeschulte Linkshänder oder der Knoten im Gehirn zu lesen". Hier wird anschaulich geschildert, wie sich ein Erwachsener selbst umschult und mit welchen Folgen er dadurch zu kämpfen hat. Dieser Beitrag wird Dich garrantiert umstimmen.


Olli


P.S. Ich atme übrigens auch rechts, beim Schwimmen! Wie drehst Du Dich am liebsten (z.B. Tanzen) - im, oder entgegen dem Uhrzeigersinn?

Kirstin Krap
10.08.2001, 09:29
Falls diese Argumente noch nicht gereicht haben sollten, Dich umzustimmen, kann ich Dir nur wärmstens empfehlen, Das ganz persönliche Vorwort im Buch:"Der umgeschulte Linkshänder oder der Knoten im Gehirn zu lesen". Hier wird anschaulich geschildert, wie sich ein Erwachsener selbst umschult und mit welchen Folgen er dadurch zu kämpfen hat. Dieser Beitrag wird Dich garrantiert umstimmen.
Mhm...ich vermute allerdings schon seit längerem, dass ich mehr rechtshändige "Komponenten" habe, als linkshändige. Denn außer Schreiben mache ich fast nix mit links. Vielleicht auch deshalb, weil ich gelernt habe, alles andere mit rechts zu machen. Z.B. Dosenöffner und so. Meine Mutter hatte mir mal von einer Freundin erzählt, die mit beiden Händen gleich gut schreiben konnte und das hat mich so fasziniert, dass ich es auch unbedingt können wollte. Darum mein Wunsch, mit der rechten Hand schreiben zu lernen. Aber, ich habe eh keine Ausdauer, das durchzuziehen.


P.S. Ich atme übrigens auch rechts, beim Schwimmen! Wie drehst Du Dich am liebsten (z.B. Tanzen) - im, oder entgegen dem Uhrzeigersinn?


Entgegen. Also "rechtsrum".

Ich habe momentan gerade Probleme mit den Knien. Meniskusriss und Knorpelerweichung an der Kniescheibe: Interessanterweise ausschließlich im linken Knie. Das ist auch das Knie (bzw. Bein), das ich häufiger belaste. Z.B. beginne ich grundsätzlich, eine Treppe zuerst mit dem linken Bein zu besteigen. Das einzige, was ich nun wieder definitiv mit rechts mache, ist beim Fussballspielen den Ball treten, das kann ich mit linke nicht. Aber z.B. Rollerfahren: da trete ich mit links. Würde sich hier meine Linkshändigkeit auch auf die Beine übertragen und könnte das ein Grund dafür sein, dass mein linkes Knie kaputter ist, als das rechte? *grübel*

Kirstin

Barbara
10.08.2001, 14:46
>Mhm...ich vermute allerdings schon seit längerem, dass ich mehr rechtshändige "Komponenten" habe, als linkshändige. Denn außer Schreiben mache ich fast nix mit links. Vielleicht auch deshalb, weil ich gelernt habe, alles andere mit rechts zu machen. Z.B. Dosenöffner und so. Meine Mutter hatte mir mal von einer Freundin erzählt, die mit beiden Händen gleich gut schreiben konnte und das hat mich so fasziniert, dass ich es auch unbedingt können wollte. Darum mein Wunsch, mit der rechten Hand schreiben zu lernen. Aber, ich habe eh keine Ausdauer, das durchzuziehen.


Weißt du, bis letztes Jahr hätte ich einen Eid darauf abgelegt, alles mit rechts zu machen und Rechtshänderin zu sein. Ich bin mehr aus Zufall über die http://www.linkshänderseite.de gestopltert und entdeckt, daß man umgeschult sein kann, ohne sich an die Umschulung zu erinnern.

Das ich Linkshänderin bin, habe ich dann auch nicht von einem Tag auf den anderen akzeptiert. Ich habe stundenlang Bewegungsabläufe mit meinem Freund verglichen (ein glassklarer Rechtshänder) und Schauspielern im Fernsehen oder Linkshändern im Alltag zugesehen. Erst bei dieser Analyse wurde mir selber bewußt *wieviel* ich tatsächlich mit links machte. Ich dachte immer, ich wäre *komisch* weil ich beim Essen mit Messer und Gabel das Messer links habe (an die Kämpfe gegen meine Eltern, diesen Traditionsbruch durchzusetzen, erinnere ich mich allerdings noch gut). Aber mehr und mehr stellte ich fest, daß ich auch andere Dinge mit links mache. Anderes sieht aus, als würde ich es mit rechts machen, aber die eigentlich aktive Hand ist die linke (zum Beispiel hielt ich früher beim Kartoffelschneiden das Messer rechts ruhig fest und drehte die Kartoffel mit links drunter weg. Sah aus, wie ein Selbstmordversuch).

Was ich damit sagen will, ist folgendes: viele Aktionen können dir eher rechts vorkommen, aber sie sind es nicht.

Außerdem leben wir in einer rechtshänderphilen Welt. Das heißt, daß du schon dein Leben lang Geräte mit rechts bedienen mußt oder andere Sachen mit rechts macht. Ich schätze, daß die Muskulatur der rechten Hand und des rechten Arms bei den meisten Linkshänder stärker ausgeprägt ist, als bei einem Rechtshänder und seiner linken Seite. Je nachdem was du für Aktivitäten durchführst - ob welche die mehr Kraft brauchen oder für die man Rechtshändergeräte brauchst - könnte deine rechte Seite sogar stärker werden, als deine linke. Stärker. Nicht dominant.

Diese Lektion habe ich selber immer wieder ignoriert und mich für eine Rechtshänderin oder Beidhänderin gehalten. Dabei ist bei einem gesunden Menschen eine Hirnseite dominant (na ja, sie überwiegt, aber sie tanzt auch nicht Solo). Eigentlich hätte ich mich dem als Biologiestudentin entsinnen müssen. Tut mir einen Gefallen, und verpetzt micht nicht bei meinem Neurobiologie-Professor.

Jedenfalls bin ich froh, daß du dich wohl nicht umschulen willst. Die Frau von der du gesprochen hast, war wahrscheinlich auch umgeschult. Ich kann (wohl noch) jetzt mit beiden Händen schreiben, aber das ist nicht toll. Es mag sein, daß die Schrift mit rechts mit der Zeit immer schlechter werden wird (was nicht ganz einfach ist, wenn man ihre Qualität bedenkt), denn mittlerweile schreibe ich nur noch links und habe gar kein Verlangen mehr, den Stift in die rechte Hand zu nehmen.

Alles Gute, Barbara

Olli
11.08.2001, 13:29
Hallo,

Also nochmals, natürlich kann man NICHT Aufgrund eines bevorzugten Handgebrauchs im Erwachsenenalter eindeutig auf eine Links- oder Rechtshändigkeit schließen, da doch sehr viel zur Anpassung bzw. Nachahmung an die Umwelt zwingt (Maschienen und Geräte usw.). Und schließlich ist der Mensch nun mal ein soziales, sich an die Umwelt anpassendes Wesen.

Dieser Umstand ist auch Ursache, das der Händigkeitstest in der "Beratungsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder" in München(Wohnst Du nicht gerade in München?) mehrere Stunden dauert.

Ich z.B. hatte mich - durch die Umschulung zum schreiben auf rechts - der Maßen auch in fast allen anderen Tätigkeiten (werfen, sprigen, schneiden u.s.w. u.s.w.)auf rechts angepasst (Ich dachte einfach das muß ich jetzt auch so machen, weil das alle so machen.), daß ich fast keine Tätigkeit mehr mit links gemacht habe - und TROTZDEM bin ich Linkshänder, weil ich mich noch eindeutig an die Umschulung erinnern kann, obwohl sie auch schon teilweise im Kindergarten begonnen hat. Seit zwei Jahren schreibe ich nun auch wieder links und habe jetzt bemerkt, daß ichauch andere Tätigkeiten unbewust wieder mehr links mache.

Olli
11.08.2001, 13:44
Das einzige, was ich nun wieder definitiv mit rechts mache, ist beim Fussballspielen den Ball treten, das kann ich mit linke nicht.


Hier kann auch Ursache sein, daß Du zum sicheren Stand Dein linkes Bein benötigst.

Würde sich hier meine Linkshändigkeit auch auf die Beine übertragen und könnte das ein Grund dafür sein, dass mein linkes Knie kaputter ist, als das rechte? *grübel*


Das ist mit größer wahrscheinlichkeit so, da ja die Linkshändigkeit eine Dominanz der rechten Gehirnhälfte ist und diese die GESAMTE linke Körperseite bzw. Körperfunktionen steuert. Also einschließlich Füße, Augen, Ohren. Mit welchem Auge schaust Du denn Z.B. durch eine Fotokamera oder, welches Ohr benutzt Du, um jemanden z.B. die Herztöne abzuhören.


Olli

Barbara
13.08.2001, 13:09
Seit zwei Jahren schreibe ich nun auch wieder links und habe jetzt bemerkt, daß ich auch andere Tätigkeiten unbewust wieder mehr links mache.


Das hast du bei dir auch festgestellt, Olli? Ist es nicht merkwürdig: Sachen die sonst von einer Hand in die andere wechselten mache ich jetzt auch mit links: zum Beispiel Haare kämmen (lacht nicht, aber endlich wird meine Frisur, so wie ich es will). Eigentlich wollte ich mich nur in Bezug auf das Schreiben rückschulen, aber irgendwann fühlte es sich nur noch merkwürdig an, die Zahnbürste oder die Gabel (beim Essen ohne Messer) rechts zu haben. Also wanderte sie auch nach links.

Olli
14.08.2001, 00:53
Ja, auch ich hatte bis zur Rückschulung z.B. beim Zähneputzen oder Rasieren beide Hände benutzt (erst die linke Hand für die rechte Seite und dann die rechte Hand für die linke Seite) und benutze nun vorwiegend die linke Hand. Aber auch so manche Sachen, bei dennen ich früher nicht im Traum daran gedacht hätte, diese mit links zu machen, wandern jetzt unbewußt und zu meinem Erstaunen in die linke Hand.


Olli