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Vollständige Version anzeigen : selber umschulen


Anna
20.07.2002, 14:39
Hallo!


Erst mal danke für die vielen Antworten auf meine letzte Frage.


Mir ist schon wieder eine neue Frage in den Sinn gekommen:

Ich habe von Kindern gehört, die sich selber umerzogen haben, um nicht anders zu sein. Gibt es so was wirklich?

Also ich selber habe mich gegen meine geplante Umerziehung seitens meiner Oma gewehrt. Ich wollte das einfach nicht und bin so LH geblieben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ein Kind sich selber so was antuen kann (obwohl es ja von den Folgen nichts weiß). Tut ein Kind nicht alles so, wie es am einfachsten ist?


Ciao

Anna

Dr. Noll
20.07.2002, 19:13
Als Antwort auf: <a href="1674.htm">selber umschulen</a> geschrieben von Anna am 20. Juli 2002 14:39:10:


>Hallo!

>Erst mal danke für die vielen Antworten auf meine letzte Frage.

>Mir ist schon wieder eine neue Frage in den Sinn gekommen:

>Ich habe von Kindern gehört, die sich selber umerzogen haben, um nicht anders zu sein. Gibt es so was wirklich?




>>> Ja, das gibt es wirklich. Und dazu: je begabter ein Kind, umso stärker. Es befindet sich in dieser Zeit, eben als Kleinkind, in einer Phase absoluter Abhängigkeit und will so sein wie alle anderen. Ubnd begabten Kindern fallen die Umschulungsversuche vergleichsweise "leichter"...

Die Folgen sind aber dieselben.


>Also ich selber habe mich gegen meine geplante Umerziehung seitens meiner Oma gewehrt. Ich wollte das einfach nicht und bin so LH geblieben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ein Kind sich selber so was antuen kann (obwohl es ja von den Folgen nichts weiß). Tut ein Kind nicht alles so, wie es am einfachsten ist?


>>> Ich denke, ein Kind wird nicht den leichtesten Weg wählen, sondern den, der ihnen "am meisten bringt", nämlich Anerkennung der als lebensnotwendig erkannten Personen, also Eltern/Großeltern/Geschwister.

Hat jemand wie Sie eine schon frühkindlich starke Persönlichkeit mit klarem Selbstbewußtsein, hat das Kind eine Chance, sich durch "Wehren" vor der Umschulung zu retten.

Das aber ist eher die Ausnahme !, und Sie können froh sein, dass Sie es geschafft haben, sich zu wehren.


Mfg


Dr. Noll

>Ciao

>Anna

Jana
21.07.2002, 12:51
Als Antwort auf: <a href="1674.htm">selber umschulen</a> geschrieben von Anna am 20. Juli 2002 14:39:10:


Hallo Anna!


So ähnlich, wie Dr.Noll es beschreibt, ist es mir ergangen.

Ich hab zu Hause mit links gemalt, im Kindergarten ohne jede Aufforderung mit rechts. Das hat mir meine Mutter erzählt, ich kann mich daran nicht erinnern. An Umschulungsversuche mit Zwang kann ich mich auch nicht erinnern, weil ich immer alles richtig machen wollte und deshalb gar nicht auf die Idee gekommen bin, daß ich mit links vielleicht nicht so ungeschickt wäre. Das einzige, wo ich mal nachgefragt habe, war das Essen mit Messer und Gabel. Wir durften im Kindergarten nur mit Gabel essen, und ich habe nicht verstanden, wieso ich sie in die rechte Hand nehmen mußte, wo ich sie doch zu Hause mit links halten durfte, weil das Messer rechts war.

Ich wurde auch nie als Linkshänderin bezeichnet und habe erst mit zwölf Jahren erfahren, daß ich eine bin.

Da ich mein ganzes Leben lang sehr ängstlich war (lag wohl unter anderem daran, daß ich als Kleinkind sehr viel im Krankenhaus war), hatten alle leichtes Spiel mit mir.


Grüße aus dem nassen MeckPomm

von Jana

Birgit
22.07.2002, 06:23
Als Antwort auf: <a href="1674.htm">selber umschulen</a> geschrieben von Anna am 20. Juli 2002 14:39:10:


Hallo Anna,


ich habe zwar keine Kinder aber lange genug die Kinder meiner Schwester und meiner Freundinnen gehütet und in der Jugendhilfe gearbeitet. Kinder tun zunächst einmal alles, um sich nicht isoliert zu fühlen. Das macht schon der sogenannte "kompetente Säugling". Mütter und Väter sind zunächst für Kinder unangreifbar, weil sie zum Überleben notwendig sind. Also passen sich Kleinkinder deren an Verhalten und wagen es kaum, Fehlverhalten an ihnen wahrzunehmen. Je nachdem, wie streng das Ganze abläuft, bewahren Kinder sich dennoch ihre eigene Durchsetzungskraft oder verlieren sie. Großeltern haben eine andere Position, seit je her. Bei ihnen können sich Kinder eher wehren, weil die Bindung, genetisch gesehen, nicht derart überlebensnotwendig ist.


In einer Gruppe anderer Kinder passen sich Kinder ebenfalls an. Auch das ist genetisch festgelegt. Wir haben ja alle Urprogramme für unser Verhalten vom ersten Tag an, die nach wie vor aktiv sind. Wenn ein Kind anders agieren soll als "die anderen" dann braucht es schon entweder ein gesundes und starkes Selbstbewußtsein oder die Ermunterung dazu durch andere Beispiele. Oder explizit die Erlaubnis durch die Eltern. Und die haben linkshändige Kinder in den vergangenen Jahrzehnten kaum gehabt oder bekommen - eher das Gegenteil. Sicher wird es mittlerweile besser aber das Ganze ist noch ausbaufähig, würde ich sagen.

Gruß

Birgit

Anna
22.07.2002, 09:39
Als Antwort auf: <a href="1677.htm">Re: selber umschulen</a> geschrieben von Jana am 21. Juli 2002 12:51:00:


Hallo Jana!


>Ich hab zu Hause mit links gemalt, im Kindergarten ohne jede Aufforderung mit rechts.


Und mit welcher Hand schreibst du heute? Hast du dich nachher wieder zurückgeschult, oder bist du dabei geblieben mit rechts zu malen und zu schreiben?


Gruß

Anna

Jana
23.07.2002, 12:17
Als Antwort auf: <a href="1679.htm">Re: selber umschulen</a> geschrieben von Anna am 22. Juli 2002 09:39:38:


Hallo Anna!


Hab mich vor ca. 3 Jahren wieder zurückgeschult, ziemlich Hals über Kopf (Birgit hat sowas treffend als Kamikaze-Aktion bezeichnet), habs aber nicht bereut. Trotzdem habe ich dabei auch einige Fehler gemacht, die mich ganz schön Nerven gekostet haben und die sich bei kompetenter Beratung sicher hätten vermeiden lassen. Im Großen und Ganzen geht es mir auf jeden Fall besser als vorher, und mit meiner verschütteten Kreativität kann ich endlich was anfangen.

Also: ich schreibe mit links, male mit links, schmiere meine Stullen jetzt abwechselnd mit links und rechts, halte Tassen und Löffel wieder mit links.

Bei einem Hobby kann ich sogar ein wenig von der Umschulung profitieren.

Ich schminke manchmal Kinder auf irgendwelchen Festen. Grad die Kleinen reagieren oft nicht, wenn sie den Kopf drehen sollen oder drehen ihn gleich zurück. Dann bemale ich die rechte Gesichtshälfte mit der linken Hand und die linke mit rechts. Das tue ich aber eigentlich nur bei symmetrischen Dingen (Schmetterlinge z.B.), und eigentlich hat dann immer noch die linke Hand die Führung, weil ich eine bestimmte Linie erst mit links male und dann eben spiegelbildlich mit rechts (Danke, Tilman, für Deine Beschreibung des Klavierspiels - so wurde mir erst klar, wieso die Schminkerei mit rechts bei mir funktioniert, mir bei Schreibversuchen mit rechts aber regelrecht übel wird)


Grüße aus MeckPomm

(hurra es regnet grad nicht, ich geh jetzt raus!!!!)


von Jana

Anna
23.07.2002, 16:50
Als Antwort auf: <a href="1688.htm">Re: selber umschulen</a> geschrieben von Jana am 23. Juli 2002 12:17:20:


Hallo Jana!


Meine Linkshändigkeit hat mir bei meinem Hobby auch geholfen: Ich mache Judo. Beim Judo kann man alle Griffe rechts und links rum ausführen. Bei einem Kampf ist der Gegner aber meist nicht darauf gefasst, dass man ihn "linksrum" wirft. Das führt oft zum Sieg!


Anna

Katja
24.07.2002, 13:46
Als Antwort auf: <a href="1688.htm">Re: selber umschulen</a> geschrieben von Jana am 23. Juli 2002 12:17:20:


Hallo Jana,


wie hast du dich denn umgeschult?

Kannst du mir Tipps geben?

Ich habe im November letzen Jahres erfahren, das ich wohl als Linkshänder zu Welt gekommen bin, aber mein Vater mich umerzog.

Wäre schön wenn du und auch alle anderen die das hier lesen, mir ein wenig weiter helfen könntest.


Liebe Grüße Katja

Jana
24.07.2002, 20:04
Als Antwort auf: <a href="1689.htm">Re: selber umschulen</a> geschrieben von Anna am 23. Juli 2002 16:50:42:


Hallo Anna!


Judo hab ich auch mal zwei Jahre lang gemacht. Kampfsport ist aber doch nicht so mein Ding. Vor allem war ich immer viiiiel zu langsam. Aber die Fallübungen waren gut, von denen profitiere ich heute noch (beim Schlittschuhlaufen z.B.)


Grüße aus MeckPomm

(heute war es sonnig, wow!)

von Jana

Jana
24.07.2002, 21:07
Als Antwort auf: <a href="1693.htm">Re: selber umschulen</a> geschrieben von Katja am 24. Juli 2002 13:46:47:


Hallo Katja,


Tipps will ich eigentlich überhaupt nicht geben.

Eigentlich wollte ich mich auch gar nicht zurückschulen, weil Frau Dr.Sattler in ihrem Buch auch eindringlich klar macht, daß die Umschulung leicht danebengehen kann und es einem dann schlechter geht als vorher.

Es war eine reine Verzweiflungstat, die zum Glück gut für mich ausgegangen ist.

Ich habe allerdings, wenn man es ganz genau nimmt, mich seit meinem 16.Lebensjahr ganz langsam in vielen Dingen wieder rückgeschult (nach einer Verletzung am rechten Arm hatte ich endtdeckt, daß ich vieles besser mit links kann und bin bei einigem dann auch geblieben, Federball und Tischtennis z.B).

Das Linksschreiben habe ich im März 99 während eines Lehrganges begonnen, weil ich meine Schrift nicht mehr lesen konnte. Das lief ganz gut, sogar meine Konzentrationsprobleme wurden merklich besser und weniger Kopfschmerzen hatte ich auch. Das Problem waren die Klausuren. Die mußte ich mit rechts schreiben, weil ich 14 Seiten im Durchschnitt weder von der Kraft noch von der Schnelligkeit her geschafft hätte. Danach war ich jedesmal wie durch den Wolf gedreht, völlig fertig, mein Orientierungssinn war stundenlang fast völlig ausgeschaltet. Während der Prüfungswoche habe ich dann wirklich nur die Klausuren geschrieben, danach weder mit links noch mit rechts einen Stift angefaßt und nach jeder Klausur erstmal ein paar Stunden geschlafen.

Ist aber alles gut ausgegangen, ich hab meinen Fachangestellten ganz gut hingekriegt.

Nach der Fortbildung kam der Hammer. Ich hatte keinen eigenen Arbeitsplatz mehr, sondern mußte monatelang von Schreibtisch zu Schreibtisch (auch von Zimmer zu Zimmer) wechseln. Die Kollegen sind alle sehr nett und verträglich, für einen Rechtshänder wäre das kein Problem gewesen. Für mich schon:

Bildschirm rechts, Drucker rechts, viele Zahlen zu tippen. Bisher stand an meinem alten Platz alles möglichst weit links, die Tastatur habe ich einfach auch nach links geschoben, mit links auf dem Ziffernblock rumgetippt und mich mit dem rechts von mir sitzenden Kunden unterhalten.

Das einzige, was ich jetzt mit links benutzen konnte, war die Mouse, die ich nicht leiden kann und möglichst ignoriere.

Überkreuz greifen ging auf die Dauer auch nicht - also, was hat Jana gemacht ? Zahlen mit rechts getippt. Dummerweise funktionierte das auch.

Nach einigen Wochen wurde ich immer schneller müde, die Tippfehler häuften sich, und was am schlimmsten war, ich wurde immer reizbarer und aggressiver, sowohl zu Kollegen als auch zu meiner Familie.

Eigentlich wußte ich auch, was los war, aber nicht wie ich es ändern sollte. schließlich habe ich den Ziffernblock mit Papier abgedeckt und nur noch mit der Ziffernreihe über den Buchstaben geschrieben.

Im Herbst 2000 war ich dann nur noch krank, jeden Monat 1-2 Wochen. ende des Jahres bekam ich dann endlich einen eigenen schreibtisch und habe gleich eine Linkshändertastatur beantragt. Die Begründung muß super gewesen sein, denn ich mußte nicht mal zur Betriebsärztin zum Gespräch, sondern das gute Stück wurde nach Aktenlage bewilligt. Im Januar bekam ich sie und im Februar 2001 war ich das letzte Mal krank, seitdem nicht mehr.

Seitdem bin ich viel ausgeglichener geworden, was ich aber nicht nur meinem "behindertengerechten" Arbeitsmittel an sich verdanke, sondern auch der Tatsache, daß endlich mal jemand außerhalb meines Verwandten-,Bekannten-, und Kollegenkreises akzeptiert hat, daß (umgeschulte) Linkshändigkeit gesundheitliche und psychische Probleme verursachen kann.


Das war meine Geschichte. Nicht optimal gelaufen, aber bereut habe ich es nicht.

Ohne kompetente Beratung würde ich es jedenfalls nicht versuchen.

Sich hin- und herzuschulen ist nach meinen Erfahrungen geradezu gefährlich, also sollte man sich schon genau überlegen, was man tut.

Vor allen Dingen ist es wichtig, sich zu überlegen, was man sich von der Rückschulung erhofft. Einige Jahre eher wäre ich von einer Rückschulung wahrscheinlich ziemlich enttäuscht gewesen. Damals litt ich (schon seit meiner Kindheit) unter einer Reihe von Ängsten, die zum großen Teil ganz andere Ursachen hatten, als die LH. Wahrscheinlich hätte ich mir von der Rückschulung eine Lösung all dieser Probleme erhofft, die so garantiert nicht eingetreten wäre. Mit den Ängsten bin ich durch eine Gruppentherapie (ein Jahr vor der Rückschulung)fertig geworden, die mir den entscheidenden Schubs in die richtige Richtung gab und so wohl den Boden dafür bereitet hat, daß die Rückschulung nicht schief gegangen ist.


Katja, wenn Du überlegst, Dich zurückzuschulen: Brich um Gottes Willen nichts übers Knie und wende Dich an einen LH-Berater.


Liebe Grüße

Jana