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Vollständige Version anzeigen : Rückschulung von alltäglichen Dingen


Angela
27.10.2002, 10:47
Ich habe jetzt einige Zeit die verschiedenen Diskussionen verfolgt und möchte nun fragen, ob eine Rückschulung für die alltäglichen Dinge Sinn macht. Ich bin 41 J. und zum Glück haben weder meine Eltern noch meine Lehrer genügend Energie aufgebracht, mir das Schreiben mit der linken Hand abzugewöhnen. So schreibe ich zwar links, aber ich bin auch nie "links" gefördert worden. Ich benutze z.B. eine Rechtshänderschere, die Mouse rechts.... Ich war sogar lange Zeit stolz darauf, so viele Dinge gleichzeitig tun zu können. Wer kann schon den Taschenrechner rechts benutzen, mit links Daten aufschreiben und nebenbei noch telefonieren? Ich glaube, ich habe viel getan, um die Defizite zu beheben, die man als Linkshänder in einer rechten Welt hat, wettzumachen und die Beschimpfungen und Kränkungen, die wohl jeder Linkshänder kennt (Linkspfote, 2 linke Hände, Linksplotsch....), als falsch zu entlarven. Das Ganze hat aber auch die Kehrseite, dass ich unter gewissen Irritationen leide. Die lustigste davon ist noch, dass ich spontan niemals links und rechts unterscheiden kann. Blöder wird es dann schon, wenn ich mir Namen und Gesichter nur sehr schwer merken kann. In allen anderen Bereichen habe ich gute bis sehr gute Merkfähigkeit. Die Frage ist, ob ich mich bei einer konsequenten Nutzung der linken Hand auf Dauer wohler fühle

Tilman
27.10.2002, 11:43
Also so ganz spontan habe ich das Gefühl, das es in Deinem Fall wenig Risiken birgt, die "Rückschulung von alltäglichen Dingen" schrittweise auszuprobieren. Vielleicht bringt es ja tatsächlich was. Ein Gefühl von mehr Harmonie oder so.


Beispiele aus meiner Erfahrung: ich hatte zwar die Mouse schon immer links benutzt [ginge gar nicht rechts - wenn man z.B. mit graphischen Programmen oder einem Notenschreibprogramm arbeitet!], aber die Tastenbelegung nicht geändert. Das habe ich erst im August gemacht- gegen einen gewissen anfänglichen Widerstand an. Verblüffenderweise hat es mir aber schon ab dem 4. Tag keine Gedanken mehr gemacht, und mittlerweile benutze ich die Mouse eindeutig entspannter als früher.

Ein anderes Beispiel, das ich in anderer Form schon einige Male angesprochen habe betrifft meinen Beruf (Musiker). Ich kann, da ich mich mit historischen Tasteninstrumenten [bzw. Nachbauten] beschäftige, nicht einfach die Klaviatur umdrehen. Ich vertrete sowieso den Standpunkt, dass _obwohl_ die historische Entwicklung der jeweiligen Musikinstrumente gewiss einem rechtshändig dominierten quasi-darwinistischen Muster gefolgt ist (dh im Endeffekt, dass die Instrumente heute, jedenfalls für Rechtshänder, 'gut funktionieren'), trotzdem gewisse Instrumente für Linkshänder sogar exta Möglichkeiten bieten (man denke an die genaue Intonation auf der Geige - mit der linken Hand). Dies setzt aber eine speziell auf diesen Aspekt gerichtete Methodik voraus.

Konkret habe ich im letzten halben Jahr daran gearbeitet, bei meinen Konzertvorbereitungen die Links-Dominanz speziell zu fördern. Also ich habe nie (wie sonst immer) mit den schwieringen Passagen zu arbeiten angefangen, die in der _rechten_ Hand lagen, sondern grundsätzlich mit links. Auch in weniger komplizierten Stellen habe ich mich immer wieder gehalten, die linke Hand bewusst wahrzunehmen und als "Steuer" hand zu benutzen.

Der Effekt dieser Bemühungen kommt durchaus einer [noch nicht abgeschlossenen] "kleinen" Rückschulung gleich, weil ich während dieser Arbeit merkte, _wie_ rechtsdominant meine gesamte Ausbilding offenbar gewesen ist, und zwar eben unausgesprochen (sonst hätte ich da ja schon lange was gegen unternommen, ich wusste ja, dass ich Linkshänder bin).

Natürlich bringt so ein Prozess Leben in die Bude: als Unsicherheit, weil plötzlich angeblich unumstössliche Routinen als unsinnig entlarvt werden (man muss sich vorstellen, dass das Arbeiten am Instrument seit Urzeiten zu meinen täglichen Beschäftigungen zählt), und als Gewinn, weil man sich insgesamt besser gerichtet konzentrieren kann, wenn man die Dinge, die der eigenen Natur nicht entsprechen, ausgrenzt.

Tilman

Angela
27.10.2002, 15:10
Tilman, danke für Deine schnelle Antwort.

Als ersten Schritt habe ich die Mouse nach links gelegt, sie für Linkshänder eingerichtet und den Mouse-Pfeil nach links gelegt. Aber nur für zu Hause. Für meinen Computer auf Arbeit werde ich das erst machen, wenn ich sicher mit der linken Hand bin. Sonst gibt das bei Hektik unnötigen Stress. Da ich oft zu den Computern von Kollegen gerufen werde, muß ich wohl beide Arten der Mouseführung beibehalten. Mal sehen, welche Erfahrungen ich damit mache. Aber ich habe festgestellt, dass es schon wichtig ist, sich bewußt zu machen, was man mit welcher Hand überhaupt macht. Vieles hätte ich auf Anhieb gar nicht gewußt. Also beobachte ich mich selbst und übe an meinem Privatcomputer erst mal, die Mouse links zu benutzen. Ich denke, das reicht für den Anfang.

MatthiasW
27.10.2002, 22:07
Hallo Angela,


die Störungen Deiner Gedächtnisleistungen können daher kommen, dass Du mal mit der linken Hand (schreiben) mal mit der rechten Hand (Taschenrechner, PC-Mouse, schneiden, fühlen usw.) Informationen aufnimmst und wieder ausgibst (schreiben, tippen, schneiden usw.). Da die Informationen nicht immer über den gleichen Kanal (dominante Hand) aufgenommen werden kommt es zu den Irritationen (der berühmte Knoten im Gehirn, siehe Sattler).


Nun zu Deiner Rückschulungsfrage.


Wie ich jetzt gelesen habe hast Du die PC-Mouseschon auf Linkshänderbetrieb umgeschaltet.


Eine Frage malst Du mit der linken Hand?


Die Bedingung der Mouse ist annähernde mit dem Malen vergleichbar, nur das es nicht 1:1 ist.


Als Vorbereitung für die Benutzung ist also das Malen mit der linken Hand. Dies kann natürlich auch in einem Malprogramm mit dem PC geschehen.

- Versuche mit der Mouse liegende Achten, Kreise usw. schwungvoll immer wieder zu malen und dabei mit den Augen dem Mouspfeil zu verfolgen.

- Wichtig auch hierbei Lockerungsübungen für die Schulter, Arm und das Handgelenk.

- Wichtig ist bei jeder Rückschulung genau auf seinen Körper und seine Reaktionen zu achten und sich nicht zu überfordern.


An Deinem Arbeitsplatz solltest Du, nach dem Du mit der Mouse geübt hast, auch die Mouse an anderen PC's mit der linken Hand benutzen um Störungen vorzubeugen. Vielleicht ist es ja möglich auf Deinem Rechner und den Rechnern Deiner Kollegen folgendes Progrämmchen zu installieren. Es ist ein Freewaer Programm und gestattet das Umschalten der Mouse aus der Menüleiste heraus.


Ich habe es Zuhause auf allen Rechnern installiert und auch auf meinem Rechner an meinem Arbeitsplatz.


Kleines Programm zum Umschalten der PC-Mouse vor rechts auf links und zurück mit einem Klick (zwei, ein weiterer auf den Bildschirm zum aktivieren)


www.emptysoft.de/download/winmouse.zip


Dies kleine Programm in den Autostart Ordner kopieren oder in einen eigenen Ordner und eine Verknüpfung in den Autostart Ordner legen.


Liebe Grüße
Matthias

MatthiasW
27.10.2002, 22:45
Hallo Tilman,


ich glaube hier schieben die Musikpädagogen den linkshändigen Geigern nur ein Argument unter. Denn warum spannen Rechtshänder dann nicht ihre Geigen um, um auch endlich besser Intonieren zu können. Meine Vermutung ist eine andere. Seien wir doch mal ehrlich, wie sieht das denn aus, wenn in einem Orchester einer aus der Reihe tanzt. Beim Schlagzeuer fällt es nicht besonders auf, wenn der seine Schießbude anders herum aufbaut, er hat in der Regel ja keinen Kollegen.

Jimmy Hendrix ein Meister seines Faches, hat auch auf einem Linkshänderseiteninstrument gespielt. Nur bei vier bis fünf Leuten auf der Bühne geht es ja noch, aber in einem Orchester und dann bei den Streichern, es sieht ja schon nicht schön aus, wenn die ihre Bögen nicht gleichmäßig führen, aber woher das wohl kommt.


Ich würde an Deiner Stelle mal ein Klavierstück schreiben, bei dem die Melodie mit der linken Hand und die Begleitung mit der rechten gespielt wird. Es wird sicher ungewohnt klingen aber für den linkshändigen Klavierspieler ein Spielgenuss sein. Du musst dir aber etwas für die Fußhebel überlegen, oder sie nicht einsetzen.


Überigens wird in Münster balt der zweite Linkshänder auf einer LH-Geige spielen.


Es dauer sicher auch nicht mehr lange und dann beschweren sich Rechtshänder das sie in ein LH-Orchester nicht aufgenommen werden, weil sie dann aus der Reihe tanzen, aber die können ja dann ihre Geige umspannen wegen der besseren Intonierung. Achtung, das war jetzt überspitzt und auch sicher nicht fair. Ich wollte nur mal die Seiten vertauschen.


Aber ich glaube, einem Linkshänder ist es egal ober er neben einem Rechtshänder musiziert und in welche Richtung der Bogen zeigt. Nur die Musik muss gut sein.

Und für das Auge des Zuschaueres wird man sicher auch eine Lösung finden, da sind wir Linkshänder ja sehr kreativ.


Liebe Grüße
Matthias



... (dh im Endeffekt, dass die Instrumente heute, jedenfalls für Rechtshänder, 'gut funktionieren'), trotzdem gewisse Instrumente für Linkshänder sogar exta Möglichkeiten bieten (man denke an die genaue Intonation auf der Geige - mit der linken Hand). Dies setzt aber eine speziell auf diesen Aspekt gerichtete Methodik voraus.

Olli
27.10.2002, 23:28
Hallo Matthias (zum nachdenken),


wiedersprichst Du Dich nicht selbst? Einerseits verlangsst Du für einen LH den Umbau von Geige und Gitarre, damit die dominante Hand den Bogen führen kann bzw. den Rhythmus bestimmen und andererseits willst Du das Tillman den Rhythmus am Klavier mit rechts spielt und die Melodie mit links! das ist irgendwie ein Wiederspruch, zudem sich das zeimlich besch... anhören müsste.


Einen LH-Geiger kann ich mir in einem Orchester auch nicht so gut vorstellen. Das hat weniger mit der Optik zu tun, sondern eher damit, dass diese sich irgendwie in die Quere kommen würden (und vielleicht sogar verletzen).


Olli

Tilman
28.10.2002, 00:19
Hallo Matthias,


>>ich glaube hier schieben die Musikpädagogen den linkshändigen Geigern nur ein Argument unter. Denn warum spannen Rechtshänder dann nicht ihre Geigen um, um auch endlich besser Intonieren zu können.<<

Um es deutlich zu machen, dieses Beispiel kommt von einer hervorragenden voll-linkshändigen Geigerin, mit der ich zusammenarbeite. Es ist ein praktisches Argument, welches ich in ihrer Arbeit bestätigt sehe. Es wäre aber doch doof, mir unterstellen zu wollen, dass ich die Charakteristika des "natürlichen" Gebrauchs einer Geige [so wie alle rechtshändigen Geiger eben auf einer Geige spielen] darum geringer einschätze, was für ein Unsinn. Natürlich spannen nicht alle RH Geiger ihre Geige um: die können nämlich tatsächlich mit der LINKEN Hand sauber intonieren lernen!

Es nervt mich eigentlich etwas, dass so ein _Beispiel_nun global "den Musikpädagogen" untergeschoben wird. Es gibt so'ne und solche.

Natürlich! Machen wir uns keine Illusionen: viele Musikpädagogen sind in Hinblick auf diese Problematik vollkommen uninformiert, und versauen massenweise linkshändige, talentierte Leute. Klar. Aber dieses ist ein praktisches Beispiel und keine allgemeine Zustandsbeschreibung. Auch hier gilt es, beide Seiten der Medallie zu zeigen. Nicht umsonst formulierte ich es genau so, und nicht anders:"...gewisse Instrumente für Linkshänder sogar extra Möglichkeiten bieten (man denke an die genaue Intonation auf der Geige - mit der linken Hand). Dies setzt aber eine speziell auf diesen Aspekt gerichtete Methodik voraus...". Das schliesst selbstverständlich nicht aus, dass fuer viele _andere_ Linkshänder ein umgebautes Instrument sehr wohl die bessere Lösung ist. Ich fühle mich jedoch geradezu gezwungen, einen anderen Text zu kolportieren und zu fragen "was möchten sie mit dem Umbau bezwecken?". Bei der Komplexität des Musizierens [was die Musik betrifft, siehe unten, und was einige Instrumente betrifft] ist eine _eindeutige_ Notwendigkeit links- oder rechtshändigen Musizierens viel weniger gegeben, als z.B. beim Schreiben oder Zeichnen. Wer das nicht sehen kann, ist eventuell einfach mangelhaft informiert.


>>Seien wir doch mal ehrlich, wie sieht das denn aus, wenn in einem Orchester einer aus der Reihe tanzt...aber in einem Orchester und dann bei den Streichern, es sieht ja schon nicht schön aus, wenn die ihre Bögen nicht gleichmäßig führen<<

Nein das ist tatsächlich ein Problem. Das weiss jeder [Berufsmusiker], dies *praktische* Problem hat aber nichts mit meinem Argument zu tun. Nein, bitte! So naiv bin nichtmal ich, dass ich grundlegende und pragmatische Aspekte vermischt als Argumente aufbereite, und denke, die Leute glauben mir dann.


>Ich würde an Deiner Stelle mal ein Klavierstück schreiben, bei dem die Melodie mit der linken Hand und die Begleitung mit der rechten gespielt wird. Es wird sicher ungewohnt klingen aber für den linkshändigen Klavierspieler ein Spielgenuss sein. Du musst dir aber etwas für die Fußhebel überlegen, oder sie nicht einsetzen.<<

??? Hier geht mir vieles nicht ein: erstmal die Pedale: abgesehen davon, dass wir hier im Forum gelernt haben, dass die "Füssigkeit" und die Händigkeit eventuell gar nicht so eng zusammenhängen, dass es also eventuell hier gar kein Problem gibt, und abgesehen davon dass z.B. Cembali keine Pedale [für die Dämpfer jedenfalls] haben, und viele historische Hammerfluegel statt Pedalen Kniehebel, die auch mit dem linken Knie bedient werden können, ist der Pedaleinsatz weitgehend eine zu erarbeitende, persönliche Sache, weswegen man sich nix für die "Fusshebel überlegen" muss. bzw eher: man muss sich dafür sowieso immer "was überlegen".

Dann zu der Musik: wenn Klaviermusik so simpel wäre, dass man in ihr immer eine "Melodie" und eine "Begleitung" erkennen könnte, hätte Dein Vorschlag einen Sinn. Nun ist aber schon seit den ersten idiomatischen Klavierstücken in der Musikgeschichte [also denen, die nicht einfach eine Bearbeitung von bestehenden vokalen Sätzen sind] bei bestimmten Komponisten die Linksbetonung ein Faktum! Ich denke da zum Beispiel an John Bull [1562-1628] oder William Byrd [1543-1623] - nicht nur das, es handelt sich auch sofort um sehr virtuose, komplizierte Stücke!

In polyphoner Musik, wo alle Stimmen gleich wichtig sind, [von dieser frühen Zeit ueber z.b. Frescobaldi und bis hin zu Bach der 1750 starb]kann man ohnehin nicht von einer Melodie sprechen, oder aber: in dieser Musik kommt die Melodie sogar sehr oft in der linken Hand vor.

Und wenn wir jetzt weitergehen: was Meinst Du, was fuer neckische [und für rechtshändige Pianisten ziemlich elende] Touren ein linkshändiger Pianist-Komponist wie Rachmaninoff in seinen Stücken eingebaut hat?

Nenee, da muss ich mich nicht hinsetzen und Stückchen schreiben!


>>Aber ich glaube, einem Linkshänder ist es egal ober er neben einem Rechtshänder musiziert und in welche Richtung der Bogen zeigt. Und für das Auge des Zuschaueres wird man sicher auch eine Lösung finden, da sind wir Linkshänder ja sehr kreativ.<<

Pardon, mir ist etwas nach Scherzen zumute, ich komme gerade von einer elenden Regenfahrt [nach einem Konzert] zurück: es ist jedenfalls sicher, dass für das Auge des Nebenmanns eine Lösung gefunden werden muss, wenn jeder in eine andere Richtung fiedelt.


Langer Rede kurzer Sinn: Die Erkenntnis, dass es ganz grundlegend an der speziellen Musikmetodik für Linkshänder hapert hat für mein Verständnis viel höhere Priorität, als die Wahl angepassten Instrumentariums [Das schliesst aber nicht aus, dass LH-instrumente sinnvoll sein _können_]. Dies ist eine Erkenntnis, die sich in mehr als 20 Jahren praktischer Arbeit als konzertierender Musiker in ständiger Selbsthinterfragung geformt hat, und kein lahmes Wochenendgeplänkel.

Tilman

Jeannine
28.10.2002, 07:54
Hallo Olli,

übrigens gibt es ein schönes Stück von Chopin, wo die Melodie in der linken Hand ist und die Begleitung in der rechten. Prélude op.28, No.6


Gruß von Jeannine

MatthiasW
28.10.2002, 14:59
Danke Jeannine,


da ich selbst den Klavierunterricht nach zwei Jahren abgebrochen habe (kein musikalisches Gehör, wollte mich wohl auch nicht anstrengen usw., wie mir meine Eltern sagten) bin ich über den Hinweis sehr dankbar, den eine Linkshänderin sucht solche Stücke.


Liebe Grüße
Matthias

MatthiasW
28.10.2002, 16:08
Hallo Tilmann,


erst mal eins vor weg. Ich schätze Deine Beiträge sehr!


Ich habe bewusst provokativ formuliert. Denn viele Umgeschulte Linkshänder (dazu zähle ich auch jene, die auf Rechtshänder-Instrumenten spielen, sehen ihre Umschulung, die Folgen und den geleistenten Einsatz durch eine Art Brille, ohne wahrzunehmen, dass sie dieses nur durch Überkompensation leisten konnten (bis zu 30% mehr Einsatz, vergleiche Sattler)

- Man muss halt nur genug üben und dann klappt das schon, ich habe es ja auch geschafft.

- Das Greifen lernt man als Linkshänder auf einem Seiteninstrument für Rechtshänder vielleichter und schneller und verschweigen dann das sie große Probleme mit dem Ryhtmus und der Dynamik haben.


Gerade umgeschulte Linkshänder sehen sich fälschlicher Weise häufig als Beidhänder und sind stolz darauf. Dies betrifft auch das Spielen eines Instrumentes, denn da benutzt man ja offensichtlich beide Hände. Aber nicht beide tun das Gleiche und eine Hand (Gehirnhälfte) steuert den motorischen Ablauf der einzelnen Bewegungen, gibt also den Impuls zum Handeln. Dieser Ablauf wird aber gestört, wenn die dominante Hirnhälfte nicht direkt die Hand ansteuern kann, die die Impulse und Dynamik auf das Instrument überträgt.

Wie gesagt ich bin kein Musikpädagoge, habe aber ein gutes technisches Verständnis und habe mehrere Instrumente auspjrobiert (Flöte, Klavier, Schlagzeug und Gitarre (Seiteninstrument)

- Bei der Flöte gibt die Zunge den Impuls und die Hände reagieren auf die Vorspannung der Muskulatur der Zunge als Impuls zum Umgreifen. Die Schwierigkeit bei der Flöte ist der kleine Finger der rechten Hand, der beim LH natürlich noch weniger geschult im Bewegen ist als beim RH. Beim tiefen C scheitern dann in der Regel die Linkshänder.

- Klavier: Hier kann ich Deiner Argumnentation sehr gut folgen, wenn der Linkshänder auch schon im Anfangsunterricht eine besondere Schulung der linken Hand erhält und die Stücke extra für Linkshänder ausgesucht werden. Trotzdem melde ich meine Zweifel an.

- Schlagzeug: Dieses Instrument lässt sich sehr schnell umbauen und dem entsprechen viele Linkshänder können wir hinter ihrem Schlagzeug beobachten

(Mir hat man damals dies leider nicht erklärt).

- Die Schlaghand oder Bogenhand gibt beim Ausholen den Impuls zum Umgreifen. Hinzu kommt, das der Rythmus und Dynamik ja in der linken Hand liegt. Also sollte der LH mit der linken Hand schlagen, zupfen oder den Bogen führen können.


Thema Füßigkeit:

Ich werde in meine Testreihe mit überprüfen mit welchem Fuß die getestete Person den Tackt klopft, natürlich ohne dabei auf die Händigkeit zu schließen. Vielleicht kann man nach einer gewissen Anzahl von Tests aber daraus Rückschlüsse auf die Füßigkeit ziehen. Ich werde dies mal mit anderen LH-Beratern diskutieren.


Bitte nicht böse sein, wenn ich, aus Zeitmangel, heute nicht auf alles eingehen konnte. Würde dies Diskusion aber gerne weiter fort setzen.


Liebe Grüße
Matthias

Tilman
28.10.2002, 17:38
Hallo Matthias

wie nett, einmal etwas ausführlicher und fundierter Antwort zu bekommen. Nun.


>>viele Umgeschulte Linkshänder (dazu zähle ich auch jene, die auf Rechtshänder-Instrumenten spielen) sehen ihre Umschulung, die Folgen und den geleisteten Einsatz durch eine Art Brille, ohne wahrzunehmen, dass sie dieses nur durch Überkompensation leisten konnten (bis zu 30% mehr Einsatz, vergleiche Sattler)- Man muss halt nur genug üben und dann klappt das schon, ich habe es ja auch geschafft.<<

Ich bin mir von dieser Problematik sehr genau bewusst, stärker noch: ich habe für meinen eigenen Teil die Folgen, die Ueberkompensation, und den erhöhten Einsatz feststellen und analysieren können, mit meiner Feststellung als Folge, dass es der _Unterricht_ war, nämlich das totale Negieren meiner Anlage, und die Unterlassung von hilfreichen, Prioritäten in der Arbeisweise aufzeigenden Kommentaren, der mich Jahre des Suchens gekostet hat. Unterricht auf allen Niveaus, vom Anfängerunterricht [wo am meisten bockmist gebaut wurde] über verschiedene Stufen eines Auslandsstudiums bei einigen nahmhaften Cembalisten.


Gerade weil ich diese Sachen so genau analysiert habe, und genau weil ich dabei meinen eigenen Einsatz nicht durch die beschönigende Brille gesehen habe [im Gegenteil, ich wollte ja weiterkommen, und nicht mit dem Kopf durch die Wand, die da offensichtlich stand], und weil ich bei mir sehr wenig Impulse des spontanen Verneinens wahrnehme, behaupte ich hier, dass, in jedem Fall bei den Tasteninstrumenten, die unangemessene Pädagogik dem Linkshänder mehr Probleme einbrockt, als das Instrument.

Das ist ausgesprochen wichtig: es geht eben nicht um die "Stücke" alleine, obwohl es im Anfängerunterricht auch da ganz eklatante Schwachstellen im angebotenen Material gibt. Es geht um die gezielte Arbeit an der dominanten Hand, als eine Art "Steuerinstanz", egal ob rythmische oder melodische Elemente vorrangig in einer Stimmen vorkommen.

Für einen einigermassen begabten, und gut ausgebildeten Klavierpädagogen ist die Erstellung geeigneten Studienmaterials, sprich "Stücke" ein Klacks. Wenn er dann hinterher damit was anzufangen weiss!


Deine Ausführungen über verschiedene Instrumente sind schlüssig, wenn nicht das Element der Koordination fehlen würde. Interessanterweise hat man auch bei RH Musikern eine gestärkte Verbindung zwischen den Hirnhälften nachgewiesen; es ist die Frage, ob die Interaktion der Hände, das Zusammenspiel zwischen emotionellen und intellektuellen Bereichen, oder einfach nur "Die Musik" selbst dazu führen. Aber wie gesagt, ich stelle keinen Moment in Abrede, dass LH Instrumente vielen Menschen helfen _können_.

Nun, wir verstehen uns wahrscheinlich besser als es scheint: eine gute Koordination lässt sich nur dann verwirklichen, wenn die dominante Hand die Führung übernimmt. Daher ist im Prinzip Deine Analyse, dass die Rhytmus-machende Hand die dominante sein sollte logisch, wenn es denn um Rhytmus geht. Wenn es um die Melodie geht wird die Sache etwas komplizierter: bei der Geige [Cello etc. Gitarre eventuell auch] ist teilweise das, was du mit "Feeling" umschreibst auch eine Sache der linken Hand, und die Melodie"herstellung" ist es sowieso, in Kombination mit der Bogenhand.


>>Schlagzeug: ...lässt sich sehr schnell umbauen und dementsprechend viele Linkshänder können wir hinter ihrem Schlagzeug beobachten(Mir hat man damals dies leider nicht erklärt).<

>>Vielleicht kann man nach einer gewissen Anzahl von Tests aber daraus Rückschlüsse auf die Füßigkeit ziehen. Ich werde dies mal mit anderen LH-Beratern diskutieren.<

Muss arbeiten, ciao, Tilman

Angela
29.10.2002, 16:19
Also, malen kann ich nur links, wie schreiben, allerdings habe ich kein Talent dafür. Ich übe die Handhabung der Mouse mit den Windows Spielen. Das ist zwar etwas hirnlos, übt aber die Handhabung ungemein. Es klappt übrigens gut. Nach kurzem Umgang mit der Mouse links mache ich fast weniger als sonst mit rechts.


Danke für den Tip mit dem Programm. Ich werd es erst mal auf meinen Computer installieren und dann, wenn es mir praktisch erscheint, auf die anderen Computer.


Ansonsten versuche ich mir immer noch bewußt zu machen, was ich eigentlich mit links und was mit rechts mache. Bei den meisten Dingen kann ich es nämlich spontan nicht einmal sagen

MatthiasW
29.10.2002, 17:22
Hallo Angela,


>Also, malen kann ich nur links, wie schreiben, allerdings habe ich kein Talent dafür. Ich übe die Handhabung der Mouse mit den Windows Spielen. Das ist zwar etwas hirnlos, übt aber die Handhabung ungemein. Es klappt übrigens gut. Nach kurzem Umgang mit der Mouse links mache ich fast weniger als sonst mit rechts.


Was machst Du mit der Mouse links weniger als sonst mit rechts? Fehler und Sucherei auf dem Bildschirm, wo muss ich den klicken?


Liebe Grüße
Matthias