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Vollständige Version anzeigen : Entdeckungen-Schreiben mit der falschen Hand


Tine
03.07.2003, 01:05
Hallo!


Ich hab letztes "aus Spaß" mal mit links geschrieben um zu probieren, wie es sich für meinen Sohn "anfühlen" wird und um die Blattlage selber mal auszuprobieren.


Tja und das Ergebnis?

Ich hab mit links auf Anhieb genau so "schön" geschreiben wie mit rechts, nur nicht so schnell. Ich hab dann bestimmt 20 Minuten weitergeschrieben und gezeichnet..einfach um zu testen was pasiert...NIX..kein Schwindelgefühl, keine Konzentrationsprobleme..nichts. Nur meine permanente Müdigkeit war weg...Spannend...


Und dann purzelten Erinnerungen...

Ich hab als Teeny mal meine Gitarre andersrum bespannt..und konnte auf Anhieb spielen...wenn auch nicht ganz so gut (Klassische Gitarre!). Dann bin ich mal eine Weile im Sportunterricht mit dem linken Bein gesprungen... Und hab als Teeny kurzzeitig mit links geschrieben...


Alles nur "aus Spaß" aber ich habe mich nie komisch dabei gefühlt, hab mich eher gewundert, das andere das nicht so konnten.

Aber dann sagte jemand, von deren Meinung ich als Kind sehr abhängig war, ich wolle ja nur was "Besonderes" sein...also war´s wieder aus damit.

Irgendwie hatte ich das fast vergessen..


Die Maus bedien ich auch meistens links..ist mir erst vor kurzem überhaupt aufgefallen...

Lauter "Puzzleteilchen"...


Nachdenkliche Grüße...Tine

Barbara
03.07.2003, 03:50
Hallo Tine,


>Ich hab mit links auf Anhieb genau so "schön" geschreiben wie mit rechts, nur nicht so schnell. Ich hab dann bestimmt 20 Minuten weitergeschrieben und gezeichnet..einfach um zu testen was pasiert...NIX..kein Schwindelgefühl, keine Konzentrationsprobleme..nichts. Nur meine permanente Müdigkeit war weg...Spannend...


Als ich vor einigen Wochen anfing, linkshändig zu schreiben, war meine Schrift auch von Anfang an leserlich und außerdem schrieb ich sofort viel kleinere Buchstaben als jahrelang mit rechts.

Die rechtshändige große Schrift zeigte deutlich, dass die Feinmotorik meiner rechten Hand auch nach über vierzig Jahren Übung noch nicht so war, wie sie sein sollte. Hier irren die Graphologen ganz gewaltig, wenn sie eine große Schrift als Zeichen großen Selbstbewußtseins deuten.

Schwindelgefühle, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, Orientierungsschwierigkeiten und dergleichen stellten sich erst nach einigen Wochen ein.


Als ich mit der Rückschulung begann, schaute ich mir unsere Kinderfotos an. Meine Zwillingsschwester ist eindeutig Rechtshänderin, aber meine ältere Schwester hat wohl auch viel mit links gemacht. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass vielleicht auch sie umerzogene Linkshänderin sein könnte.

>Und dann purzelten Erinnerungen...

>Aber dann sagte jemand, von deren Meinung ich als Kind sehr abhängig war, ich wolle ja nur was "Besonderes" sein...also war´s wieder aus damit.

>Irgendwie hatte ich das fast vergessen..


Ich hatte ganz vergessen, wie schlimm es war, so vergewaltigt zu werden. Vor kurzem träumte ich, ich hätte eine wunderschöne Handarbeit linkshändig angefertigt. Als ich das Teil dann stolz vorzeigte, sagte jemand zu mir: das hast du doch mit links gemacht? Davon wachte ich heulend auf.


>Lauter "Puzzleteilchen"...


Ich sammle die meinen auch eifrig zusammen.


Schreib mal wieder, wie es dir geht.


Liebe Grüße, Barbara

Birgit
04.07.2003, 02:31
Hallo Tine,


>Aber dann sagte jemand, von deren Meinung ich als Kind sehr abhängig war, ich wolle ja nur was "Besonderes" sein...also war´s wieder aus damit.<




Der-/diejenige, die das gesagt hat, muß ganz schön neidisch gewesen sein, daß


1. du etwas kannst, was er/sie nicht kann,


2. du dich etwas traust, das /ersie sich nicht traut, nämlich die Sicherheit der Anpassung an das, was vermeintlich "das einzig Richtige" ist, zu verlassen und eigene Wege zu gehen,


3. und du ein gutes Gespür für dich selbst hast ( = sich Selbst-bewußt-sein ), u.U. mehr als er/sie.


Ich finde, du hast das damals gut gemacht. Du warst dir selbst wichtig und was kann daran verkehrt sein? Überhaupt nichts. Jeder ist auf seine Weise "was Besonderes". Und jetzt knüpfst du wieder an deine ursprüngliche Fähigkeit an und sammelst deine Puzzleteilchen. Am Ende wird ein gutes Bild stehen. Gutes Gelingen.


Gruß

Birgit

Lena
04.07.2003, 16:08
Hallo an alle,


zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich schon ziemlich lange hier auf diesem Forum herumsurfe und fast alle Beiträge (incl. das Archiv) komplett gelesen habe, so sehr haben mich alle Informationen interessiert und beschäftigt.


Ich stelle mich gern einmal kurz vor:


Lena ist mein Nickname im Internet, ich bin 35 Jahre alt und habe 2 Kinder (fast 13 und 11).


Auch ich bin von Natur aus Linkshänderin. Meine Eltern und meine Lehrerin in der 1. Klasse (1974) haben mich auf rechts "umerzogen", gegen meinen Willen. Meine Mutter hat gelegentlich fast "stolz" (auch innerhalb der Famile, z.B. bei Besuchen o.ö.) erzählt: "Du hast auch erst mit links geschrieben. Wir -mussten- ..." (*schluck*) "... dir den Stift immer in die rechte Hand drücken, damit Du das begreifst." Mein Cousin ist LH, und wenn mal gekichert wurde, wie er ja schreibt, kam das Thema darauf.


Diesen Satz habe ich noch genauso im Ohr wie die Umerziehung im Gefühl der rechten Hand damals.


Vieles habe ich auch damals noch dennoch weiterhin mit links getan, alltägliche Dinge, wo aber auch konsequent darauf geachtet wurde, nach und nach, ganz "wie es sich gehört", mit rechts zu erledigen.


Irgendwann habe ich mich damals wohl daran gewöhnt und die Dinge u.a. auch deshalb mit rechts erledigt, einfach, weil ich mich gar nicht mehr traute, die Linke zu benutzen.


Meine ganze Hintergrundgeschichte ist, was meine persönliche Vergangenheit betrifft, ziemlich kompliziert und gehört auch gar nicht hier unbedingt ins Forum rein. Vielleicht genügen Euch ein paar Stichworte: In meiner Erziehung wurde mit hartem Druck gearbeitet, es setzte auch Schläge.


Heute arbeite ich ehrenamtlich in einem Projekt, welches sich mit Missbrauch und Misshandlungen aller Arten und Variationen beschäftigt. Dies kurz am Rande. Als mir dieses Forum begegnete, wurde mir so vieles klar: Dass dieser Eingriff der Umerziehung ein Eingriff ins Gehirn ist, ja, -und- dass es eine klare und sehr gefährliche Form einer Misshandlung ist.


Wenn mit massivem Druck die schon so große und bedeutungsvolle Persönlichkeit eines noch kleinen Kindes verletzt, verbogen, deformiert und unterdrückt wird, könnte ich die Wut kriegen, was damit angerichtet wird, bis hin zu schweren Schuldgefühlen, die man sein Leben lang nicht mehr los wird (und das Kind muss sie ja nun absolut nicht fühlen, sie nicht auf sich beziehen!).


Schon -immer- habe ich den Vorsatz gefasst, als ich etwas mutiger und älter wurde, einfach wieder mit links zu schreiben (nach dem Motto: "Mir doch egal, ihr könnt es mir nicht mehr verbieten!"). Hätte ich dies jedoch getan, solange ich noch zu Hause gewohnt hatte, hätte es trotzdem wieder unendliche Schwierigkeiten gegeben, Endlosdiskussionen, Krach und Tränen, verbunden mit dem 'Sahnehäubchen': "Ach, du bist doch krank im Kopf! Du mit deinen blöden Spinnereien.". So war das eben bei uns.


Als ich mit 19 von zu Hause weg war, keimte auch wieder der Gedanke daran hoch, es endlich "richtig" machen zu wollen. Das Ergebnis war: Ich habe solche Hemmungen davor gehabt, meiner Persönlichkeit freien Lauf zu lassen, dass ich auch dieselben Ängste vor den anderen Menschen, vor der ganzen Öffentlichkeit in meinem Umfeld, weiterhin empfunden habe. Ich konnte diesen Kreis einfach nicht mehr selbst durchbrechen, so gern ich das auch wollte.


Stellte ich zu Hause fest, dass ich gut mit links schreiben konnte, steckte ich mir meinen Lieblingsstift in die Tasche, nahm ihn überall mit hin um wenn es sein muss, ich egal, wo ich bin, endlich mich zu "trauen" (der eigene gewohnte Stift gab mir Sicherheit, mich nicht in meinem Schriftbild mittels eines unbequemeren Stiftes möglicherweise zu blamieren). Und? "Wir haben hier eine Glückwunschkarte für xy, kannst du bitte kurz...?" Was mache ich? Verspürte wieder Angst, Hemmungen, und unterschrieb mit rechts.


So ging das jahrelang.


Durch dieses Forum habe ich endlich Mut gefunden. Ich habe konsequent mein Schreibtraining wieder aufgenommen. Ich schreibe so schön mit "meiner" Hand, nicht perfekt, noch nicht so schnell, manchmal etwas "unrund" und noch nicht so ganz geschmeidig, aber eben schon so gut, dass ich das erste Mal stolz auf mich bin.


Aber der Satz im obigen Posting:


>Aber dann sagte jemand, von deren Meinung ich als Kind sehr abhängig war, ich wolle ja nur was "Besonderes" sein...also war´s wieder aus damit.<


haut mich um! Das genau ist einer der Punkte. "Etwas darstellen wollen, Besonderes sein, Exotenbonus haben wollen!" Ich habe Angst, mich nach aussen hin zu trauen!


Wie schafft man es bloß, diese Hemmungen abzuschütteln?

Mir fallen halt immer wieder diese Sprüche auf, wenn jemand neues in eine Gruppe kommt und mit links schreibt. Hm...


Nebenher mache ich auch immer mehr alltägliche Dinge mit links. Es fällt mir relativ leicht, ich merke wie sich die Muskeln aufbauen und die Motorik feiner wird, es fühlt sich richtig an und ich fühle mich wohl. Und -da- macht es mir gar nichts aus, auch nach aussen hin mit links zu hantieren. Es betrifft nur das Schreiben.


Und wenn es nur das Schreiben betrifft, frag ich mich, ob es da noch mehr in der Kindheit gab, was ich ggf. nur nicht mehr weiss.


Naja, es ist jetzt etwas viel geworden, aber ich schicks trotzdem mal ab.


Ganz liebe Grüße


Lena :c)

Tilman
04.07.2003, 18:00
Hallo Lena

Du schreibst:

"Aber der Satz im obigen Posting:>>Aber dann sagte jemand, von deren Meinung ich als Kind sehr abhängig war, ich wolle ja nur was "Besonderes" sein...also war´s wieder aus damit.<< haut mich um! Das genau ist einer der Punkte. "Etwas darstellen wollen, Besonderes sein, Exotenbonus haben wollen!" Ich habe Angst, mich nach aussen hin zu trauen!


Wie schafft man es bloß, diese Hemmungen abzuschütteln?"


Das Problem ist, dass das Verhalten durchschnittlicher Rechtshänder [oft viel]stärker von Gruppenmechanismen bestimmt ist, als das durchschittlicher Linkshänder. Das bedeutet, dass Wertungen wie:

"konform" oder "anders" im Leben eines Rechtshänders meistens eine viel grössere Rolle spielen.

Wenn nun also jemand mit links schreiben will, also nicht "konform" handeln will, dann wird das nicht als der Ausdruck der eigenen natürlichen Art gewertet, sondern als ein "anders sein wollen", im Sinne des "nicht konformen" Rechtshänders [solche gibts ja auch: Wichtigtuer, Grosschnauzen, oder was sonst - viele dieser negativen Beurteilungen entstammen der rechtshändigen Beurteilungskiste].

Das ist aus dem Wertesystem des Rechtshänders heraus gedacht vollkommen logisch, und unumstösslich. Nur da gilt ja nicht für jeden!


Die Ungerechtigkeit ist also doppelt; erstens wird einem das links Schreiben verboten, ausserdem werden einem falsche, unwahre Beweggründe unterschoben, die zwar im Wertesystem von Rechtshändern Sinn machen, aber nicht in unserem Falle -ein klarer Fall von Projektion.


Nun könnte man annehmen, dass das ganze einfach nur auf einem Informationsmangel beruht. Was die Linkshänder betrifft stimmt das vielleicht. Erkenntnisse wie meine Analyse hier oben sind sehr wohl im Stande, den Selbstfrust, der vielen Linkshändern innewohnt, zu erleichtern.

Aber bei den nicht-verstehenden Rechtshändern hilft Information gar nichts. Ich habe Diskussionen mitgemacht zwischen intelligenten Leuten, wo der Gedanke, dass ein Linkshänder eventuell andere Vorlieben oder Verhaltensmuster haben könnte, feundlich aber bestimmt als Unsinn abgetan wurde.


Natürlich. Ich habe ja auch nur 44 Jahre lang 24 Stunden Erfahrung mit dem Themenkreis, und meine intelligenten Diskussionspartner haben nur kurz 'mal logisch nachgedacht. Die Unsinn-Reaktion blockt jede Informationsverarbeitung ab. Eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes, und eine Kränkung des Individuums.


Daher ein Hinweis, wie man es schafft, diese Hemmungen abzubauen: man soll sich dem Umgang allzu intoleranter Zeitgenossen entziehen. Man muss begreifen, dass man, wenn man als Linkshänder links hantiert, nicht "etwas macht" sondern "jemand ist", und dass alle Leute, die das nicht akzeptieren, akzeptieren wollen, oder sehen können, eine nicht akzeptable Störung darstellen.


Tilman

Jana
04.07.2003, 19:49
Hallo Lena,


Deine Angst vor den Reaktionen der Umwelt zum Linksschreiben kann ich gut nachvollziehen. Ich habe 1999 begonnen, mich im Schreiben zurückzuschulen, und habe, da ich viel mit Kunden zu tun habe, anfänglich sehr viele Reaktionen bekommen. Darunter waren sowohl extrem negative wie "mein Alter hätte mich verprügelt" (derjenige war aber auch ziemlich betrunken) als auch sehr positive. Die letzteren kamen vorwiegend von (umgeschulten) LH und Eltern mit LH-Kindern. je selbstverständlicher das Linksschreiben für mich wurde, desto weniger Reaktionen bekam ich übrigens. Daß ich eine Linkshändertastatur an meinem Arbeitsplatz habe, fällt schon mal fast niemandem auf.

Am Anfang moserten meine Kollegen, weil meine Schrift so anders aussah, da kam dann regelmäßig von mir die Rückfrage: "Und?!! Kannst Du es lesen?!!!" "Ja" "Dann ist ja gut!" Die verringerten Konzentrationsprobleme, viel weniger Kopfschmerzen und vor allem sich nicht mehr so viel verschreiben müssen wollte ich mir nicht mehr nehmen lassen.




Vielleicht kann ich Dir damit etwas Mut machen.

Allerdings würde ich mich nie wieder ohne professionelle Hilfe (LH-Berater) so auf Knall und Fall rückschulen, wie ich es getan habe. Mir sind dabei auch einige Fehler unterlaufen, die mir ziemlich zugesetzt haben.


liebe grüße

von Jana aus MeckPomm (auch Mitte 30, auch zwei Kinder)

Birgit
04.07.2003, 20:45
Hallo Lena,


schön, daß du da bist. Deinen Beitrag habe ich mit großer Spannung gelesen.


> Meine ganze Hintergrundgeschichte ... ein paar Stichworte: In meiner Erziehung wurde mit hartem Druck gearbeitet, es setzte auch Schläge. ...Heute arbeite ich ehrenamtlich in einem Projekt, welches sich mit Missbrauch und Misshandlungen aller Arten und Variationen beschäftigt.


Meiner Einschätzung nach kommt eine Umschulung in seiner Wirkung häufig körperlichem und emotionalem Missbrauch sehr nahe. Was nicht umgeschulte LH früher und vermutlich auch oft noch heute mit ihrem rh-gläubigen Umfeld mitmachen vermag ich nur ansatzweise zu erahnen, bin mir aber sicher, es ist ebenfalls in vielen Fällen sozialer und emotionaler Horror.


> Wenn ...die ...Persönlichkeit eines noch kleinen Kindes... unterdrückt wird, könnte ich die Wut kriegen.... <


Wut ist gut. Sie ist Antrieb für LH, ihrer ursprünglichen Natur nach zu leben.


> Verspürte wieder Angst, Hemmungen, und unterschrieb mit rechts.<


Ich glaube, der Schritt hin zum öffentlichen linkshändig Schreiben ist für viele der schwerste. Man bricht damit endgültig das Tabu ( und man sollte die Wucht dieses Tabus wirklich nicht unterschätzen ), das als Kind den Ausschluss von der Familie bedeutet hätte.


Wie die kaum vorhandenen nicht umgeschulten LH meiner Altersgruppe als Kind eben diesen Schritt in der Schule gewagt haben, linkshändig zu schreiben, obwohl es damals in Deutschland noch überhaupt kein Wissen über die Zusammenhänge gab.... mein Gott, müssen die damals mutig gewesen sein.


> Durch dieses Forum habe ich endlich Mut gefunden. ... Ich schreibe so schön mit "meiner" Hand, ... schon so gut, dass ich das erste Mal stolz auf mich bin.<


Auf deinen Mut kannst du dich wirklich verlassen. Schön, daß du stolz auf dich bist.


> Wie schafft man es bloß, diese Hemmungen abzuschütteln?<

Möglichkeit: Suche in deiner Wohnung einen Gegenstand, der diese deine Hemmungen symbolisieren soll. Stell' ihn vor dich hin oder halte ihn in den Händen und frag' ihn, warum er dich noch vom lh-schreiben abhalten will? Deine Hemmungen waren ursprünglich auch positiv, weil sie dir als Kind und junge Frau einigen Ärger mit der Umwelt erspart haben. Und jetzt kannst du dich neu entscheiden.


Tilmans Antwort kann ich nur zustimmen. Was er schreibt stimmt absolut.


Schönes Wochenende und laß dir Zeit.


Gruß

Birgit

Birgit
04.07.2003, 20:47
> Man muss begreifen, dass man, wenn man als Linkshänder links hantiert, nicht "etwas macht" sondern "jemand ist",..<


Hallo Tilman,

das hast du wunderschön in Worte gefaßt.

Gruß Birgit

Antje
07.07.2003, 23:33
Hallo Jana,


du schreibst in Deinem TExt, das Du nicht nochmal ohne professionelle Hilfe die Rückschulung machen würdest, um die Fehler zu vermeiden, die Dir jetzt "alleine" unterlaufen sind.

Ich habe es auch selbst gewagt, bin mir aber derweil keiner falschen oder fehlenden Übungen bewußt. Was war es bei Dir, was falsch lief?


Liebe Grüße aus Österreich

von Antje (gebürtige Meckenburgerin)

Lena
08.07.2003, 13:33
Hallo an alle,


>Hallo Lena,

>schön, daß du da bist.


Vielen lieben Dank!


Ich habe mich über die Antworten sehr gefreut und vor allem, über die Inhalte. Über einige Dinge hab ich lange nachgedacht und was dabei in mir sich bewegt hat, war (*freu*) Freude.


Birgit, Du schreibst:

>Wut ist gut. Sie ist Antrieb für LH, ihrer ursprünglichen Natur nach zu leben.


So habe ich das (in bezug auf LH-keit) noch nicht gesehen, aber wenn ich so darüber nachdenke, stimmts. Denn schlussendlich kam ja dadurch meine Entscheidung zustande, wieder so zu schreiben, wie es meiner Natur nach entspricht. Eben genau, wie Du es geschrieben hast.



>> Verspürte wieder Angst, Hemmungen, und unterschrieb mit rechts.<

>Ich glaube, der Schritt hin zum öffentlichen linkshändig Schreiben ist für viele der schwerste. Man bricht damit endgültig das Tabu ( und man sollte die Wucht dieses Tabus wirklich nicht unterschätzen ), das als Kind den Ausschluss von der Familie bedeutet hätte.


Dieses vergangene Wochenende habe ich mir fest vorgenommen, mich nicht mehr zu schämen. Wir haben in einer großen Gruppe Minigolf gespielt :c) und beim Punkteaufschreiben habe ich mich immer davor gedrückt. Irgendwann kam ich nicht mehr drum herum und musste die Anzahl der Schläge notieren. Es war die Zahl "2" und so ein Krüppelbleistift (*arghs*). Ich habe mich überwunden und schrieb völlig verkrampft eine total bekloppte "2", als ob ich noch nie zuvor je etwas geschrieben hätte. Aber - was solls, ich hab mich getraut. Jemand hatte im Verlauf der Postings geschrieben, "je selbstverständlicher das Linksschreiben wird (für den Schreibenden), je weniger Reaktionen von den anderen kämen dann". Daran habe ich gedacht und wollte (nach aussen hin völlig cool) meine "2" schreiben. Obwohl mir, zusätzlich zur Sonnenhitze, ziemlich warm dabei wurde, hat aber keiner was gesagt.


Für andere klingt dies sicher lustig, mir aber bedeutet das etwas.


>> Wie schafft man es bloß, diese Hemmungen abzuschütteln?<

>Möglichkeit: Suche in deiner Wohnung einen Gegenstand, der diese deine Hemmungen symbolisieren soll. Stell' ihn vor dich hin oder halte ihn in den Händen und frag' ihn, warum er dich noch vom lh-schreiben abhalten will?


Das habe ich jetzt auch mal versucht. Der Gegenstand ist meine Armbanduhr geworden, die ich jetzt mit Absicht auf rechts trage. Sie ist immer bei mir und erinnert mich halt immer. Und ich kann sie notfalls auch anschreien, wenns mal sein muss ...


>Tilmans Antwort kann ich nur zustimmen. Was er schreibt stimmt absolut.


Den Satz finde auch genial. Danke, Tilman!


Wie lange hat es bei Euch eigentlich im Durchschnitt gebraucht, bis Eure Schrift ein Aussehen erreicht hat, dass man es ihr nicht auf den ersten Blick ansieht, dass sie "neu entwickelt" wurde?


Vorausgesetzt, man übt täglich - wann "setzt" sich bzw. "festigt" sich das Schriftbild, bis es einen eigenen, typischen und quasi dauerhaften (beständigen) Charakter bekommt?


Zu meiner eigenen Überraschung habe ich bemerkt, dass meine linke Schrift viel gleichmäßiger ist als die rechte. Die rechte tanzt auf den Linien, mal drunter, mal drüber - links ist sie gleichermaßen eben auf der Linie.


Das wars erst mal von mir,


viele liebe Grüße


Lena (die sich echt freut)

Dr. Noll
08.07.2003, 14:32
Hallo,


ich finde es richtig gut, dass Sie sich jetzt trauen, auch öffentlich links zu schreiben. Von nun an wird jedes Mal leichter, und irgendwann ists selbstverständlich.

Übrigens, es dauert unterschiedlich mit dem "besseren" Schriftbild links; manche schreiben kleiner, regelmäßiger, und nur, weil es "anders" aussieht als die vorherige Schrift denkt mancher, jeder würde das sehen.

Das ist aber nicht so. Fast alle anderen, die die vorherige Schrift nicht kannten, merken nämlich gar nichts.

Wut am Anfang zum Selbstbewußtsein der eigenen Linkshändigkeit ist verständlich und "normal". Aber irgendwann wird sie weichen und das Selbtbewußtsein, das Stehen zur eigen linkshändigen Veranlagung, kommt von innen heraus.

Dann hat die Wut ausgedient und das ist gut so - denn immer nur Wut führt irgendwann zur Verbitterung.


Dr. Noll

Tilman
08.07.2003, 16:35
>>"je selbstverständlicher das Linksschreiben wird (für den Schreibenden), je weniger Reaktionen von den anderen kämen dann". Daran habe ich gedacht und wollte (nach aussen hin völlig cool) meine "2" schreiben. Obwohl mir, zusätzlich zur Sonnenhitze, ziemlich warm dabei wurde, hat aber keiner was gesagt.

Für andere klingt dies sicher lustig, mir aber bedeutet das etwas.<<


Logisch. Aber: So wie Dr. Noll sagt, dass das mit dem Aussehen der Schrift für Aussenstehende kein Thema ist, so wenig ist das links Schreiben für die meisten Leute wirklich ein Thema. Lehrer und Erziehende sind da eine Ausnahme, weil bei uns in der Kindererziehung noch immer die Idee vorherrscht, das "daraus nix wird" wenn man nicht "den Weg zeigt"; ein Konzept, das in Hinsicht auf die komplexen kleinkindlichen Anlagen vollkommener Humbug ist.


Bei mir hat's bis zum Zivildienst gedauert, dass ich über Links Schreiben einmal wirklich diskutieren musste. Vielleicht hilft die Story: da kam einmal der Betriebsmaler zur Pforte [wo ich eingeteilt war] und sah, wie ich ein Formular ausfüllte. Der kam sich immer [auf eine harmlose, wenn auch bierverdünnte Art] wahnsinnig komisch vor. Er fing schallend an zu lachen, und fragte mit vollkommen dummem Blick "sach bloss, Du schreibst links?". Erzählte dann, dass seine Tochter das auch gemacht hat, "aber das haben wir ihr schon ausgetrieben, das gehoert ja nicht so" - und lachte weiter. Ich hab' ihm dann versucht klarzumachen, dass das nichts ausmacht, weil es etwa gleich schnell geht, und man's genauso gut lesen kann; es sei doch egal, weil es vollkommen und komplett meine eigene Sache sei - und wenn ich mit dem Fuss schreiben wollte, und es funktioniert? Aber er war unbelehrbar und ging kopfschüttelnd weg. Das interessante an der Story ist aber, dass es mich total nicht gekratzt hat, weil es zu Hause nie irgendwelchen Stress mit meiner Linkshändigkeit gegeben hatte.

Und da, ahem, wertes Publikum, liegt leider immer wieder der Hund begraben. Wie kann irgend jemand irgendeine Standfestigkeit gegenüber [eigentlich vollkommen uninteressanten] Blödleuten haben, wenn sie/er den Kampf zu Hause einst verloren hat, und die Sache noch nicht vollkommen durchgearbeitet hat? Unmöglich.

Da ist es leider die Frage, ob einem die Erkenntnis weiterhilft, dass weder Eltern noch Lehrer einem über die Schulter gucken, wenn man beim Minigolf Ziffern kritzelt.

Das mit der Wut ist ja ganz nett, aber man sollte keine Mühe sparen exakt nachzuforschen, auf wen man wütend sein muss, und warum. Erst dann kann man den Mist abbauen. Aber ganz leicht ist das selten...

Tilman

Birgit
08.07.2003, 20:05
Hallo Lena,


über das, was du schreibst freue ich mich gerade auch sehr. Auch wenn ich leider keinen so netten Smily hier auf den Bildschirm bringen kann.


Also, ich bin ja hier in dem Forum so ziemlich als einzige "Wut-Fan". Mancher vermutet vielleicht in mir eine "verbitterte Z'widerwurzn" oder sonst was. Dabei bin ich in Summe wirklich friedlich und fröhlich.


Schon Freud wusste, daß dem Menschen ein paar Grund-Antriebskräfte für die Lebensbewältigung zur Verfügung stehen. Einer davon ist Aggression. Und die bejahe ich aus tiefstem Herzen zur Verteidigung meiner körperlichen, geistigen und seelischen Integrität. Die anderen Grund-Antriebe nach Freud sind für die Lösung unseres Problems zudem wohl eher weniger geeignet. (-:


> Dieses vergangene Wochenende ... Es war die Zahl "2" und so ein Krüppelbleistift (*arghs*). Ich habe mich überwunden und schrieb völlig verkrampft eine total bekloppte "2", als ob ich noch nie zuvor je etwas geschrieben hätte. Aber - was solls, ich hab mich getraut. <

Ja, sag mal: Wieso hast du dich schon so schnell getraut, wenn ich doch noch meinte, du kannst dir Zeit lassen? ((-:


> ... wollte (nach aussen hin völlig cool) meine "2" schreiben. Obwohl mir, zusätzlich zur Sonnenhitze, ziemlich warm dabei wurde, hat aber keiner was gesagt.<

Wenn überhaupt irgendjemand was dabei dachte, dann daß der Bleistift das Hinterletzte sein muß. Bei Mini-Golf und Hitze denkt kein Mensch.


> Für andere klingt dies sicher lustig, mir aber bedeutet das etwas.<

Ich finde es hört sich gut an.


>> ... einen Gegenstand, der diese deine Hemmungen symbolisieren soll....frag' ihn, warum er dich noch vom lh-schreiben abhalten will?<< > Das habe ich jetzt auch mal versucht. Der Gegenstand ist meine Armbanduhr geworden, die ich jetzt mit Absicht auf rechts trage. Sie ist immer bei mir und erinnert mich halt immer. Und ich kann sie notfalls auch anschreien, wenns mal sein muss ...<

Also die Idee ist wirklich genial. Da wäre ich nie im Leben drauf gekommen. Vergiß nicht, zwischendrin deinen Hemmungen auch mal für den früheren Schutz vor Ärger zu danken. Da haben sie ihre Arbeit ja an sich gut gemacht. Und sich von der rechten Hand verabschieden und sich bei ihr für ihre Schufterei in den vergangenen Jahrzehnten bedanken, das Ritual empfehle ich auch immer mal wieder und es scheint nicht nur bei mir sondern auch bei anderen Frieden gestiftet zu haben.


Meine Schrift habe ich von Anfang an in der Arbeit verwendet. Hatte keine andere Möglichkeit. Die 2.-Klässerinnen-Schrift hat aber niemanden gestört. Vielmehr war meine Sekretärin froh, nicht mehr meine vorherige rechtshändige Sauklaue zusammen mit ihren zwei Kolleginnen entorakeln zu müssen. Was mir manchmal mindestens so peinlich war, wie dann für ei paar Wochen meine Kinderschrift. Jetzt, 4 Jahre später, bin ich schon mehr als zufrieden mit meiner Handschrift. Aber "normal" ist sie schon lang. Das geht, finde ich, relativ schnell. Und sollte jemand was sagen, dann zeige ich noch mal, was geboten wäre, würde ich noch mit der rechten Schreiben. Nachdem das dann sowieso keiner lesen kann, bin ich mit so einer Vorführung sowieso auf der sicheren Seite. (-:


> Vorausgesetzt, man übt täglich - ...<

... dann hat man vergessen, es aus Spaß an der Freude und an sich selbst zu tun. (-;


> wann "setzt" sich bzw. "festigt" sich das Schriftbild, bis es einen eigenen, typischen und quasi dauerhaften (beständigen) Charakter bekommt? <

Sie tut es genau dann, wenn es für dich richtig ist. Ich fand bei meiner Rückschulung so schön, daß ich mich da letztendlich voll auf meinen Körper verlassen kann. Der macht das alles schon so, wie's für ihn gut ist. Ich hab' mich bloß oft viel zu hart selbst drangenommen. Heute wäre ich da etwas gnädiger mit mir.


Liebe Grüße an die Lena (die sich echt freut)


von Birgit

Lena
08.07.2003, 20:21
Hallo Tilman, sehr geehrter Dr. Noll,


vielen Dank für Deinen bzw. Ihren Beitrag. Ich habe mich sehr gefreut und ich fühle mich echt wohl - hier im Forum und auch mit mir selber. Die Beiträge stärken mich sehr, danke schön!


Tilman, Du schreibst:

>(...) Lehrer und Erziehende sind da eine Ausnahme, weil bei uns in der Kindererziehung noch immer die Idee vorherrscht, das "daraus nix wird" (...)


Meine Eltern haben sozusagen beides verkörpert (und noch viel mehr). Vor allem in der Hinsicht, weil es sich nicht lediglich nur auf das Links-Schreiben mittels einer "lächerlichen" Idee im Kopf bezog (ihre Worte damals), sondern eher, im Kern, ging es ihnen darum, dass "aus MIR nix wird", egal, was ich je machen, tun und lassen würde. So weitläufig ist dieses Thema, welches hier aber den Rahmen sprengt.


Zu seiner Identität zurückzufinden ist eine Sache, zu seiner Identität (die nur einem selbst gehört und wo niemand auch nur den Hauch eines Anspruches darauf hat, geschweige denn, eines Absolutheitsanspruchs) zu -stehen (!)- ist eine andere. Es ist wirklich sehr schwer, nach Aussen hin auch zu zeigen, ich mache dies oder jenes auf meine eigene Art und Weise, gerade wenn es nicht der "Norm" entspricht. Aber ich bin dabei, das zu lernen (nicht nur im Bereich der Händigkeit) und ich kann allen nur Mut machen, dies auch zu tun. Und wenn es der Bereich der Händigkeit ist, ist das ein Riesenschritt. Ein positiver Schritt.


>(...) es sei doch egal, weil es vollkommen und komplett meine eigene Sache sei - und wenn ich mit dem Fuss schreiben wollte, und es funktioniert?


*lol* Darüber musste ich wirklich lachen. Aber Du hast Recht. Ich seh das auch so. Doch ist das natürlich auch so eine Sache, wo ich denke: In der Theorie bin ich mutig. Tilman hat Recht. Und? Wenn wirklich eine Glückwunschkarte käme, die ich unterschreiben müsste, und ich würds dann mit dem Fuß machen müssen (wenn das so wäre), nähme ich doch lieber wieder die Hand ... Das theoretisch vorhandene Selbstbewusstsein in die Praxis umzusetzen ist ganz schön schwierig.


>Und da, ahem, wertes Publikum, liegt leider immer wieder der Hund begraben. Wie kann irgend jemand irgendeine Standfestigkeit gegenüber [eigentlich vollkommen uninteressanten] Blödleuten haben, wenn sie/er den Kampf zu Hause einst verloren hat, und die Sache noch nicht vollkommen durchgearbeitet hat? Unmöglich.


Das ist der Punkt, den ich oben meinte. Aufarbeitung und Verarbeitungsprozesse sind immer phasenweise im Gange. Ich stecke gerade wieder in einer Phase, die mir aber (ich staune) gut tut. Aber ich wage Dir zu widersprechen:

Unmöglich ist es nicht - nur langwierig; aber es ist zu schaffen, wenn man sich selbst nicht unter Druck setzt


>Da ist es leider die Frage, ob einem die Erkenntnis weiterhilft, dass weder Eltern noch Lehrer einem über die Schulter gucken, wenn man beim Minigolf Ziffern kritzelt.


hihi, ja, nur die ganze Mannschafts-Gruppe ... aber Du hast Recht - die Eltern (für mich war das die so negativ prägende Haupt-Dominanz) waren ja nicht anwesend - und allein das zu wissen lässt mich viel entspannter sein ... Hoffentlich, beim nächsten Mal ...


>Das mit der Wut ist ja ganz nett, aber man sollte keine Mühe sparen exakt nachzuforschen, auf wen man wütend sein muss, und warum. Erst dann kann man den Mist abbauen. Aber ganz leicht ist das selten...


Auf wen ich wütend war/bin, dürfte dann klargeworden sein. Tilman und Dr. Noll:


Es ist nicht so, dass Wut mein Dauerzustand ist. Manchmal ist sie da, aber mein vorherrschendes Gefühl ist eher ein ausgeglichenes Vertrauen, entspannt ohne Wut.


Ich hoffe, ich habe mich nicht im vorigen Posting in dieser Richtung missverständlich ausgedrückt. Denn mit so viel kontinuierlicher Wut im Untergrund der Seele glaub ich nämlich nicht, dass es gut wäre, an so bedeutsame Veränderungen heranzugehen. Das ginge nicht (lange) gut und würde mit Sicherheit für viel Frust im Nachhinein sorgen.


Deshalb glaube ich, hab ich den Zeitpunkt ganz gut gewählt.


Schön, dass es Euch gibt.


Danke
Lena

Dr. Noll
09.07.2003, 12:17
Hallo Lena,


dann sind Sie ja schon einen wichtigen Schritt weiter auf der Reise ins eigene Ich. Ich hatte das schon richtig verstanden und habe in dem Posting nur meine Sicht der Dinge mitteilen wollen.


Dr. Noll

Jana
13.07.2003, 19:03
Hallo Antje,


aaaalso, es wird ja davon abgeraten, mit der Rückschulung während einer Aus-oder Fortbildung zu beginnen, weil man in dieser Zeit eh genug (Prüfungs)streß hat und sich daher sehr schnell überfordern kann. Genau das habe ich aber getan. Im Unterricht habe ich angefangen links zu schreiben (aus Verzweiflung, weil ich meine Schrift mit rechts nicht mehr lesen konnte, völlig ohne Vorbereitung wie z.B. Nachspurübungen u.ä.), die Klausuren mußte ich aber mit rechts schreiben, weil 14-15 Seiten Text anders einfach noch nicht zu bewältigen waren. Im Unterricht lief es hervorragend, der Unterschied zum Mitschreiben mit rechts war gewaltig: Schrift wacklig, aber wieder lesbar, kaum noch durchgestrichene Wörter, wirklich alles Wichtige geschafft, mitzuschreiben, Konzentration bis zum Ende der Stunde, Kopfschmerzen frühestens ab Mittag statt sonst nach 2-3 Stunden. Psychisch ging es mir auch wieder besser. Aber nach den Klausuren war ich zu nix mehr zu gebrauchen, lief gegen Wände, machte immer die falschen Türen auf, hätte mich eigentlich für den Rest des Tages krank melden müssen. Meine gerade erbrachte Leistung konnte ich auch überhaupt nicht einschätzen. Das war nicht der normale Klausurenstreß, sondern viel schlimmer. Die richtigen Prüfungen liefen dann aber recht gut (insgesamt ne Zwei), weil ich da den Rest des Tages frei hatte und mich gleich schlafen legen konnte. Ich habe dann auch außer in den Prüfungen nichts geschrieben, weder mit links noch mit rechts. Die Prüfungen gingen zum Glück auch nur eine Woche, und danach habe ich nie wieder einen Schreibstift mit rechts angefaßt.

Dafür habe ich aber einen anderen Fehler gemacht. Meine Kollegen hatten meine neue Schrift zu akzeptieren, basta. Aber mein Schreibtisch mit meiner soweit wie möglich LH-gerechten PC- und Druckeranordnung war an eine andere Kollegin vergeben worden. Die erste Zeit bin ich nur von einem Zimmer/Schreibtisch zum nächsten gewandert, je nachdem, wo jemand Urlaub hatte oder krank war. Alle Schreibtische waren RH-gerecht eingerichtet. Also Mouse rechts, Strippe reichte nicht weit genug nach links rüber, Zahlen auf dem Ziffernblock (und zwar viele Zahlen) mit rechts getippt. Tastatur wie früher nach links verschieben ging nicht, weil an allen Plätzen der Bildschirm rechts stand.

Also habe ich mich beim Schreiben zurück- und beim Tippen quasi umgeschult. Im Laufe des Jahres wurde ich immer nervöser, aggressiver, zum Schluß ständig krank.Im Januar bekam ich dann endlich meinen eigenen Schreibtisch und auf Antrag auch eine Linkshändertastatur. Auf dieses gute Stück habe ich inzwischen soviele Lobeshymnen hier gesungen, daß ich es mir für heute verkneife. Jedenfalls ging es dann mit Psyche und Gesundheit ständig wieder aufwärts. Mittlerweile habe ich aber wohl einen Punkt erreicht, wo weitere Verbessrungen nicht mehr möglich zu sein scheinen. Z.Z. versuche ich mit den noch vorhandenen Defiziten meinen Frieden zu machen und mein Leben danach einzurichten.

Insgesamt bereue ich die Rückschulung aber nicht. Mein neugewonnenes Selbstbewußtsein, ein besseres Körpergefühl (endlich tanzen können, viel weniger fallen lassen und kleckern)sind alle Anstrengung wert gewesen. Aber wie gesagt, kein zweites Mal ohne professionelle Betreuung...


liebe Grüße

von Jana aus MeckPomm

Tine
16.09.2003, 22:56
Hallo!


Ich hatte ja vor einer Weile erzählt, das ich festgestellt hatte, daß ich mit links auf Anhieb fast genau so gut schreiben konnte wie mit rechts. Es fühlt sich weder falsch noch richtig, weder total erlöst noch seltsam an, sonderen einfach nur irgendwie...hm... "untrainierter"


Ich habe versucht, mich zu beobachten. Das Dumme ist nur, beobachten ohne an die Händigkeit zu denken, geht nicht. Aber WENN ich daren denke, ist es immer wieder anders.

An den Tagen wo ich denke, ich bin wohl LH und bin froh das zu entdecken, mache ich vieles mit Links (nicht bewußt gesteuert!)

Und an den Tagen, wo ich denke, ich brauche nur wieder eine Ausrede vor mir selber, um einen "echten" Grund für meine Defizite zu haben ud nicht einfach "zu dumm" zu sein (Ordnung halten, Konzentration...) mache ich mehr mit rechts.


Manchs Dinge mach ich so, wie mein LH-Sohn, manche wie meine RH-Tochert, wieder anderes machen die Kinder gleich und ich andersrum... verwirrend.


Und vieles im Alltag läßt sich auch nciht genau zuordnen... was ist die "dominantere Tätigkeit? Flasche oder Wasserhahn aufdrehen (immer links) oder ohne zu kleckern einzugießen bzw. das Glas, den Topf o.ä. unter den Hahn zu halten... (rechts)?

Heb ich etwas mit links auf, weil ich zufällig so stand, daß es mit links besser geht, oder habe ich mich unbewußt so hingestellt?

Das Baby instinktiv auf der rechten Hüfte.. damit die linke frei ist oder weil ich es mit rechts besser halten kann?


WENN ich umgeschult wurde dann schon in der Kinderkrippe im Baby/Kleinkindalter. Da wurde bei uns sehr darauf geachtet, daß man von Anfang an alles mit der "richtigen" Hand macht. Da war sogar vorgeschrieben, daß die Kinder die Stulle mit der linken Hand halten sollten, damit die rechte für die Tasse frei ist... und daß immer bevor Zeichnen dran war, kontrolliert werden sollte, ob die Kinder den Stift in der richtigen Hand halten. Das ist kein Witz, das habe ich schriftlich hier vor mir (und habe es auch noch so in der Ausbildung gelernt...).


Und nun? Was bin ich nun...? Ein Linkshänder-Berater ist leider nicht in der Nähe. Und mit Stillkind und vermutlich auch den 3 Anderen (6,4,2) mehrere Stunden zu fahren und dort zu versuchen einen Test zu machen... bringt, glaub ich auch nicht so viel.


Irgendwie bin ich nun völlig durcheinander... manchmal weiß ich schon gar nicht mehr was ich wie mache (hab vorhin das mit dem Besen gelesen und weiß immer noch nicht wie ich es normalerweise mache...probieren nützt nix, fühlt sich beides gleich normal an)

Schreiben mit links macht Spaß... mehr als mit rechts.. aber vielleciht nur eil es neu und interessant ist??? Ich weiß es nicht... Und nun?


verwirrte Grüße, Tine

Sarah
17.09.2003, 04:15
>Und vieles im Alltag läßt sich auch nciht genau zuordnen... was ist die "dominantere Tätigkeit? Flasche oder Wasserhahn aufdrehen (immer links) oder ohne zu kleckern einzugießen bzw. das Glas, den Topf o.ä. unter den Hahn zu halten... (rechts)?


Ich kann meinen Wasserhahn nur mit rechts aufdrehen. Links ist der Warm/Kalt-Drehknopf. Ob das sos aussagekräftig ist, weiß ich also nicht.


>Das Baby instinktiv auf der rechten Hüfte.. damit die linke frei ist oder weil ich es mit rechts besser halten kann?


Ich habe mal gelesen, dass sowohl Linkshänderinnen als auch Rechtshänderinnen das Baby überwiegend links halten, damit es den Herzschlag der Mutter hört. Da bist Du also eine ziemliche Ausnahme.


>Und nun? Was bin ich nun...? Ein Linkshänder-Berater ist leider nicht in der Nähe. Und mit Stillkind und vermutlich auch den 3 Anderen (6,4,2) mehrere Stunden zu fahren und dort zu versuchen einen Test zu machen... bringt, glaub ich auch nicht so viel.


Ist denn der nächste Berater so weit weg, dass man stundenlang mit dem Auto fahren würde ? Hier ist auch keiner wirklich in der Stadt, aber zwei im Umkreis von etwa einer Autostunde (wenn man denn ein Auto hätte).


>Schreiben mit links macht Spaß... mehr als mit rechts.. aber vielleciht nur eil es neu und interessant ist???


Hat es sich, als Du mit rechts schreiben gelernt hast, auch neu und interessant angefühlt ? Ich habe Schreiben mit rechts immer gehasst, mit links fühlt es sich zum ersten Mal "richtig" an. (Habe aber noch nicht zurückgeschult, das war bevor ich hier gelesen hatte, dass man endgültig zurückschulen sollte. Gut getan hats trotzdem).

MatthiasW
17.09.2003, 07:55
>>Und vieles im Alltag läßt sich auch nciht genau zuordnen... was ist die "dominantere Tätigkeit? Flasche oder Wasserhahn aufdrehen (immer links) oder ohne zu kleckern einzugießen bzw. das Glas, den Topf o.ä. unter den Hahn zu halten... (rechts)?


Viele Handlungsabläufe muss man im Zusammenhang sehen:

- Bortschnitte halten rechts und Messer führen links (die rechte Hand führt somit anschließend das Brot zum Mund)

- Flasche halten links Wasserhahn rechts, da die linke Hand anschließend eingießt und die rechte den Becher hält.

Aber

- Flasche halten rechts, Verschluss öffnen und ablegen links, flasche immer noch in der rechten, Wasserhahn öffnen und schließen links, Verschluss aufnehmen und zudrehen links.


>Ich kann meinen Wasserhahn nur mit rechts aufdrehen. Links ist der Warm/Kalt-Drehknopf. Ob das sos aussagekräftig ist, weiß ich also nicht.

>>Das Baby instinktiv auf der rechten Hüfte.. damit die linke frei ist oder weil ich es mit rechts besser halten kann?

>Ich habe mal gelesen, dass sowohl Linkshänderinnen als auch Rechtshänderinnen das Baby überwiegend links halten, damit es den Herzschlag der Mutter hört. Da bist Du also eine ziemliche Ausnahme.


Ich habe alle meine Kinder auf der rechten Hüfte getragen und bin in meinem Bekanntenkreis nicht der einzigste.

Wie soll ich denn als LH sonst meinem Kind helfen (Füttern, Nase putzen, Tränen abwischen, Spielzeug anreichen usw.). Diese eben aufgeführten Tätigkeiten, ich vergaß Türen öffnen oder gar aufschließen, erledige ich als LH mit meiner dominanten Hand.

Mit der/m nicht dominante Hand/Arm wird zum Tragen genutzt, wenn die dominante Hand andere Aufgaben erfüllen muss.


Das Argument der Herztönen wegen das Kind links zutragen empfand ich immer als Abweeertung meiner Linkshändigkeit und als Umschulungsversuch durch die Umwelt/Mitmenschen.


Liebe Grüße
Matthias

Jana
17.09.2003, 14:09
Danke, Mathias,


für diese Aussage!


>Das Argument der Herztönen wegen das Kind links zutragen empfand ich immer als Abweeertung meiner Linkshändigkeit und als Umschulungsversuch durch die Umwelt/Mitmenschen.


Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie sehr Du mir damit aus dem Herzen gesprochen hast.


liebe Grüße

von der rechts tragenden, links fütternden, streichelnden, Spielzeug wieder aufhebenden


Jana aus MeckPomm

Lotteflue
24.09.2003, 23:47
Hallo Tine

Der Beitrag ist zwar schon etwas her, aber ich möchte Dir trotzdem noch ein paar Zeilen schreiben.


>Ich habe versucht, mich zu beobachten. Das Dumme ist nur, beobachten ohne an die Händigkeit zu denken, geht nicht. Aber WENN ich daren denke, ist es immer wieder anders.

>An den Tagen wo ich denke, ich bin wohl LH und bin froh das zu entdecken, mache ich vieles mit Links (nicht bewußt gesteuert!)

>Und an den Tagen, wo ich denke, ich brauche nur wieder eine Ausrede vor mir selber, um einen "echten" Grund für meine Defizite zu haben ud nicht einfach "zu dumm" zu sein (Ordnung halten, Konzentration...) mache ich mehr mit rechts.


Du bist so wie Du bist. Das hat mit dumm gar nichts zu tun.

Wenn Du einen "echten" Grund für etwas suchst, hast Du dann keine Lust, etwas an der Situation zu verändern und willst Dich auf diesem Grund ausruhen?

Das kann ich nicht so ganz glauben bei Dir.

Wenn Du noch nicht kannst, dann kannst Du eben noch nicht. Aber eines Tages wirst Du können )) *dich mal lieb drück*


>Manchs Dinge mach ich so, wie mein LH-Sohn, manche wie meine RH-Tochert, wieder anderes machen die Kinder gleich und ich andersrum... verwirrend.

>Und vieles im Alltag läßt sich auch nciht genau zuordnen... was ist die "dominantere Tätigkeit? Flasche oder Wasserhahn aufdrehen (immer links) oder ohne zu kleckern einzugießen bzw. das Glas, den Topf o.ä. unter den Hahn zu halten... (rechts)?


Ich gehe da vom Gefühl her aus. Was fühlt sich angenehmer an, was nicht. Die Disskusion um den Daumentest oben brachte mich dazu den Armverschränkungstest zu machen.

Welche Hand ist die, die oben herausschaut bei LH`s? Bei mir ist es die linke Hand, weil ich die schnell unten wieder rausziehen kann, falls was ist.

Ich habe es dann versucht, die Arme andersherum zu verschränken. Ich hab mich fast verknotet *lach* und es hat sich so falsch herum angefühlt. Auch der Fingertest beim verschränken der Finger. Der linke Daumen ist oben, wenn ich es andersrum versuche, fühlt sich das total daneben an.


Um Dir etwas Klarheit zu verschaffen, könntest Du einige Tätigkeiten zu Papier bringen und wenn Du gerade ein klitzekleinwenig Zeit hast (z.B. auf Toilette) beide Seiten ausprobieren und dann aufschreiben, auf welcher es sich besser anfühlt.

Vielleicht ein kleines Heft mit Stift an einer Schnur und einem Haken oder Nagel befestigen, damit es nicht verloren geht.

dort ab und zu etwas eintragen, dann fühlst Du Dich bestimmt auch nicht mehr so verwirrt an.


>Heb ich etwas mit links auf, weil ich zufällig so stand, daß es mit links besser geht, oder habe ich mich unbewußt so hingestellt?

>Das Baby instinktiv auf der rechten Hüfte.. damit die linke frei ist oder weil ich es mit rechts besser halten kann?


Ich bin auch Rechtsträgerin und dachte auch "schon blöd, wenn mein Kind nicht meine Herzschläge spürt, wie andere Kinder".

Aber links tragen war so unangenehm, es ging nur kurzzeitig als Abhilfe bei zu langem Rechtstragen.


>WENN ich umgeschult wurde dann schon in der Kinderkrippe im Baby/Kleinkindalter. Da wurde bei uns sehr darauf geachtet, daß man von Anfang an alles mit der "richtigen" Hand macht. Da war sogar vorgeschrieben, daß die Kinder die Stulle mit der linken Hand halten sollten, damit die rechte für die Tasse frei ist... und daß immer bevor Zeichnen dran war, kontrolliert werden sollte, ob die Kinder den Stift in der richtigen Hand halten. Das ist kein Witz, das habe ich schriftlich hier vor mir (und habe es auch noch so in der Ausbildung gelernt...).


An soetwas kann ich mich auch noch erinnern. Auch meine Mutter hat immer besonders darauf geachtet, dass ich mit rechts esse usw *hmpf*hmpf* Sie ist noch heute stolz darauf (ich habe ihr von meinem "Verdacht" meiner Linkshändigkeit bisher noch nichts erzählt)


>Und nun? Was bin ich nun...? Ein Linkshänder-Berater ist leider nicht in der Nähe. Und mit Stillkind und vermutlich auch den 3 Anderen (6,4,2) mehrere Stunden zu fahren und dort zu versuchen einen Test zu machen... bringt, glaub ich auch nicht so viel.


Ich würde die Sache ganz langsam angehen, mich keinesfalls unter Druck setzen und keine "Ausrede" für dieses oder jenes "Zipperlein" finden wollen. Du bist schon richtig so, wie Du bist. Ein wenig anders als andere, jedoch, was wäre, wenn wir alle gleich wären? *dich noch mal lieb drück*


>Irgendwie bin ich nun völlig durcheinander... manchmal weiß ich schon gar nicht mehr was ich wie mache (hab vorhin das mit dem Besen gelesen und weiß immer noch nicht wie ich es normalerweise mache...probieren nützt nix, fühlt sich beides gleich normal an)


Für mich z.B. war es völlig komisch. Ich fasse genau andersherum an und ich glaube auch zu wissen, woran das liegt.

Ich halte den Besen auf der rechten Seite mit der rechten Hand oben und mit der linken unten. Nicht die obere Hand führt bei mir den Besen, sondern die untere (die linke) und schiebt den Dreck nach links vorne weg (ich brauche ja auf der linken Seite Platz zum ausweichen, da kann ich den Besen nicht links haben)


Für mich sind die Besenstile einfach zu lang, als dass ich sie mit der oberen Hand lenken könnte. Ich muss sie mit der unteren Hand lenken.


>Schreiben mit links macht Spaß... mehr als mit rechts.. aber vielleciht nur eil es neu und interessant ist??? Ich weiß es nicht... Und nun?


Ich denke, Du hast einfach nicht die nötige Ruhe, um es ganz genau zu fühlen, auf welcher Seite es angenehmer ist und sich "richtig" anfühlt.


Lass es erst mal etwas ruhen, gönn Dir etwas Schönes, mach mal was Schönes für Dich und zwar ganz bewusst. Grenz Dich damit ab und fühl rein.

Zu Beginn nur ein paar Minuten, dann mit der Zeit steigernd.


Ich kann das auch noch nicht allzulange, aber es tut wahre Wunder ))

Man spürt sich selbst wieder und was einem gut tut und was nicht.


Ganz liebe Grüsse

Lotteflue