Vollständige Version anzeigen : Integration
Andrea Deimel
17.02.2003, 16:17
Mein Sohn Mark (8 Jahre alt) besucht in Österreich die zweite Klasse Volkschule, eine so genannte Integrationsklasse. In einer solchen Einrichtung werden behinderte und nicht behinderte Kinder unterrichtet. Mark zählt zu den nicht behinderten Kindern, ist aber der einzige Linkshänder in der Klasse, was ihm von Anfang an Schwierigkeiten bereitet hat. Die Lehrer haben andauernd vergessen, ihn nicht auf den rechten Platz einer Schulbank zu setzen (die Kinder stoßen sich gegenseitig beim Schreiben an). Jetzt wurde im Werkunterricht mit dem Häkeln begonnen. Lehrerin: ALLE Kinder nehmen die Häkelnadel in die RECHTE Hand - AUCH MARK! Mein Sohn kam recht verzweifelt nach Hause, am Nachmittag haben wir eine Stunde lang versucht, mit der rechten Hand einige Luftmaschen zu häkeln, mit sehr mäßigem Erfolg. Ich hab dann vorgeschlagen, es doch einfach mit der linken Hand zu versuchen (hab's ihm auch vor gezeigt - was mir nicht sehr leicht fiel, als Rechtshänder...) und plötzlich hat ihm Häkeln so viel Spaß gemacht, dass er gar nicht mehr aufhören wollte. Ich hab die Lehrerin darüber informiert (per Mitteilungsheft), jedoch sofort eine Rückmeldung erhalten, dass alle Kinder mit der rechten Hand arbeiten müssten, "da dies für die späteren Handarbeiten besser wäre - auch wenn es anfangs schwer für ihn ist". Mich würde jetzt nur interessieren, welche Handarbeiten nur mit der rechten Hand zu bewältigen wären???? Ich kenne einige Linkshänder, die die schönsten Handarbeiten mit der linken Hand gemacht haben. Eine meiner Linkshänder-Freundinnen überredete mich einmal, nur eine Reihe ihres Pullovers zu stricken zu versuchen - ich benötigte beinahe 30 Minuten für eine halbwegs schöne Reihe... Man kann sich also vorstellen, wie schwierig es für einen Anfänger ist, mit der "falschen" Hand arbeiten zu müssen.
Ich bitte um diesbezüglichen Erfahrungsaustausch, da ich nicht weiß, wie ich dieser "Pädagogin" entgegen treten soll, ohne meinem Sohn zu schaden...
Danke und liebe Grüße an alle Linkshänder/innen
Andrea
MatthiasW
17.02.2003, 16:35
Hallo Andrea,
von Östereich ist ja nur ein Katzensprung bis nach München (Bayern) und Fr. Dr. Sattler hat auf ihrer Homepage einiges dazu veröffentlicht. In wie weit diese Lehrpläne auf Österreich übertragbar sind weiß ich nicht.
Dies steht auf der Internetseite von Fr. Dr. Sattler dazu:
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Aktuelles
J. B. S a t t l e r, Erläuterungen zur Linkshändigkeit. In: Margot Auer, Horst W. Hartwig (Hrsg.), Lehrplankommentar für die bayerische Grundschule. Didaktische Grundlagen und praktische Umsetzung. Band 1: Jahrgangsstufen 1 und 2, Auer Verlag, Donauwörth 2001, S. 279-284.
In der Neufassung des Lehrplans für die Grundschulen in Bayern (veröffentlicht am 25.9.2000) wird eindeutig formuliert, dass "Linkshänder ... nicht zum bevorzugten Gebrauch ihrer nicht dominanten Hand angehalten werden" dürfen. "Die angeborene Händigkeit darf nicht umgeschult werden." (S. 7
Auch für den Handarbeitsunterricht (Werken/Textiles Gestalten) wird ausdrücklich betont: "Bei Linkshändigkeit sind den Schülern fachlich adäquate Hilfestellungen anzubieten." (S. 45)
Erstmals wurde Linkshändern in einem amtlichen Lehrplan eine derartige Berücksichtigung zuteil.
Die Erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder hat sich durch ihre Leiterin Dr. Johanna Barbara Sattler aktiv bei der Berücksichtigung der Bedürfnisse von linkshändigen Schülern im neuen Lehrplan beteiligt und möchte mit der Zusammenstellung über Linkshändigkeit in der Neufassung des Lehrplans für die Grundschulen in Bayern gezielt auf die maßgeblichen Stellen aufmerksam machen.
Allgemeines
"Die Auswahl, Anordnung und Rechtfertigung von Lehrinhalten, die Lehrer zu unterrichten und Schüler zu lernen haben, erfolgt, seit es Schulen gibt, über verbindliche Lehrpläne. In ihnen wird das Gesamt alles Wiss- und Lernbaren auf Schulwissen und -können eingegrenzt, d.h. auf die Lerninhalte, die für Kinder und Jugendliche eines bestimmten Alters und Lern-Leistungsprofils in einer bestimmten Zeit und Gesellschaft aus bestimmten, vordefinierten Gründen für wissenswert und wissensnotwendig gehalten werden." (Werner Wiater, Unterrichten und lernen in der Schule. 1997, S. 162)
Diese Lehrpläne werden von ministeriell einberufenen Kommissionen vorbereitet und von den länderhoheitlichen Kultusministerien verabschiedet. Das bedeutet, dass jedes Bundesland in Deutschland eigene Lehrpläne erstellt. Verordnungen über Berufsausbildungen sind bei manchen Berufen Bundesangelegenheit, bei anderen länderhoheitlich geregelt.
Auf Linkshändigkeit muss bereits im Lehrplan für die Grundschulen eingegangen werden, um die Lehrer auf wichtige Eigenschaften und Bedürfnisse linkshändiger Kinder hinzuweisen. Aber auch in den Lehrplänen für die Mittel- und Oberstufe sollten immer wieder entscheidende Hinweise erfasst werden.
Zur Wahrung der Chancengleichheit, zur guten Integration und zur Unfallverhütung muss desweiteren gefordert werden, dass Verordnungen über die Berufsausbildung in den verschiedenen Bereichen sich unbedingt auch mit Linkshändigkeit befassen.
Im Laufe der Zeit soll hier eine Zusammenstellung entstehen über Aussagen zur Linkshändigkeit in Lehrplänen und in Verordnungen über die Berufsausbildung.
Linkshändigkeit in den Lehrplänen für die Grundschulen der einzelnen Bundesländer in Deutschland
Eine Zusammenstellung der Hinweise in den Lehrplänen der einzelnen Bundesländer zur Behandlung linkshändiger Kinder beim Erstschreiben findet sich in dem Buch "Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn", S. 359-370. Diese Aufstellung wird momentan aktualisiert.
Zum Lehrplan für die Grundschulen in Bayern gibt es seit September 2000 eine Neufassung.
© Copyright: Erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder, Sendlinger Str. 17, 80331 München, Tel. / Fax: +49 / 89 / 26 86 14
http://www.lefthander-consulting.org, e-mail: info@lefthander-consulting.org
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Du kannst dich aber auch in Östereich informieren:
I. Österreichisches Institut für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder, Gerlinde Stölzel, Psychotherapeutin I. Österreichisches Institut für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder, Gerlinde Stölzel, Psychotherapeutin (Zertifizierte Linkshand-Beraterin nach Methodik Dr. Sattler: Beratung, Tests, Vorträge), Hans Dolf Weg 16, A-8042 Graz, Tel/Fax 0043-(0)316-461643, Österreich.
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Ich würde mir auch Rat von einem Schulpsychologen holen, wenn er etwas von Linkshändern versteht, oder einem Arzt.
Gegebenenfalls mit dem Rektor der Schulesprechen und ich würde auch nicht vor einer Beschwerde beim Schulamt zurück schrecken.
Ich habe selbst linkhändige Kinder und habe der Schule meiner Kinder für den Computerraum eine LH-Tastatur gespendet, damit meine und auch andere linkshändige Kinder gefördert werden können.
Liebe Grüße
Matthias
Katja Allani
17.02.2003, 17:05
Hallo Andrea,
die freie Entwicklung der Hände, dazu gehört auch die freie selbstbestimmte Wahl der Führungshand bei Handarbeiten, ist total wichtig für die Gesamtentwicklung. Und da hat dein Sohn ein Recht drauf. Ich würde mich auch dafür einsetzen, dass Mark als LH auch linkshändig handarbeitet.Haben deine Bemühungen Erfolg, wird er es dir bestimmt mal danken. Zumal es für Mark bestimmt wichtig ist, dass er dich auf seiner Seite weiß.
Das Argument der Lehrerin, dass Mark es für spätere Handarbeiten dann ja leichter hätte, stimmt so nicht, Handarbeiten mit der rechten Hand würden ihm nur schaden und er hätte bestimmt immer und wieder anstatt Freude den absoluten Frust. Feinmotorisch brächte ihn das auch nicht weiter, im Gegenteil, die linke Hand, die bei ihm für solche Arbeiten vorgesehen ist, würde weniger trainiert werden und die rechte Hand wäre, weil sie für so was nicht vergesehen ist, vielleicht schnell überfordert.
Wenn du linkshändiges Handarbeiten für deinen Sohn JETZT durchsetzt, hast du vielleicht danach Ruhe vor weiteren "Angriffen" auf Marks Händigkeit.
Vom Gefühl her würde ich das Gleiche tun, was Matthias vorschlägt: Die Schulvorschriften durchsehen (wo steht es, dass ein Kind mit der rechten Hand handarbeiten muss, oder findet sich etwas zum Umgang mit linkshändigen Kindern...) und das Gespräch mit der Lehrerin und eventuell dem Schulleiter suchen. Und, egal wie, ob und wann reagiert oder entschieden wird, Mark mit links handarbeiten lassen.Die Verantwortung hast du als Mutter. Was kann Mark denn schlimmstenfalls passieren, wenn er weiter mit links handarbeitet? Ne schlechte Note? Na und?
Und noch ein Gedanke, bevor ich meinen Roman beende: Es ist Aufgabe der Lehrerin, sich auf die Kinder einzustellen, nicht umgekehrt. Vielleicht hätte sie etwas mehr Arbeit, aber es würde sich auch für sie lohnen....
Viele herzliche Grüße
Katja
Dr. Noll
17.02.2003, 17:23
Hallo,
der Zwang zum Rechtshändig-Häkeln erfüllt den S t r a f t a t b e s t a n d der Körperverletzung und ist nichts anderes als das. Was die Lehrerin treibt, ist vergleichbar mit ihm ein Messer in die unerwünschte Hand zu stoßen - so hart das auch klingen mag, aber genau das ist es !
Die psychischen Folgen sind noch gravierender als ein Messerstich, der wieder folgenlos verheilt.
Also: wehren Sie sich, notfalls verklagen Sie die Lehrerin. Reden Sie mit dem Schuldirektor. Und schauen Sie nach unter www.lefthander-consulting.org, dort finden Sie vieles, welche Folgen ein solch verantwortungsloses Vorgehen seitens der Lehrerin haben kann.
Es liegt an Ihnen ! Helfen Sie Ihrem Kind...
Dr. Noll
Ich bitte um diesbezüglichen Erfahrungsaustausch, da ich nicht weiß, wie ich dieser "Pädagogin" entgegen treten soll, ohne meinem Sohn zu schaden...
So schnell schadet man als Mutter seinen Kindern nicht. Zitat einer Kollegin:"Seien Sie vorsichtig mit dem, der hat so eine kämpferische Mutter!" Meine Tochter hatte nach einem Umzug in eine andere Stadt Probleme mit uneinsichtigen Lehrern, zähnefletschendes Eingreifen unsererseits hat ihr eindeutig genützt.
Falls die Dame gegenüber allen sachlichen Argumenten absolut uneinsichtig ist, könnten vielleicht Leserbriefe/Öffentlichkeitsarbeit ihr auf die Sprünge helfen.
Viel Erfolg, und Grüße an den Herrn Sohn!
Hallo Andrea,
als ich Deine Mail lass fühlte ich mich in meine eigene Schulzeit zurückversetzt. 5 Klasse Realschule wir lernen Häckeln. Wir machen Topflappen. Natürlich mit rechts, denn Ihr schreibt ja auch alle damit.
Was war das für eine Qual. Oft taten mir nach der Stunde die Hände weh und eine fünf hatte ich am Ende sowieso auf dem Zeugnis stehen. Später hielt man mich einfach für unbegabt und ich bekam jedesmal meine Gnaden vieren.
Erst heute seit ich mich wieder auf meine linke Hand zurückschule lerne ich gerade Häckeln und siehe da es klappt wunderbar.
Ich wäre an Deiner Stelle ganz rigeros. Warum soll es denn für spätere Handarbeiten besser sein, wenn man nicht mal freude daran hat es zu erlernen. Ich wäre nämlich früher nie auf die Idee gekommen auch nur eine Masche freiwillig ausserhalb der Schule zu häckeln geschweige denn was neues zu lernen. Mach ihr klar, dass Du deinen Sohn einfach nicht verbiegen lässt.
Ich hoffe, dass die Lehrerin zur Einsicht kommt und dein Sohn noch recht viel freude am Häckeln hat, denn mir blieb diese freude in meiner Kindheit verwehrt.
Gruss Sandra
Johannes
18.02.2003, 11:39
http://www.linksrechts.at/
vielleicht kannst du hier auch hilfe finden.
johannes
Hallo,
ich würde an Deiner Stelle das persönliche Gespräch mit der Lehrerin suchen und dabei äußerst freundlich und bestimmt zu ihr sagen, das Du ja verstehst, dass es schwer ist, immer auf alle Bedürfnisse einzugehen, die die Kinder so haben. Aber dass Du zuversichtlich bist, dass sie, die Lehrerin, es hinkriegen wird. "Schließlich hätte man das ja früher nicht gekannt, das linkshändige Handarbeiten", das sei ja inzwischen anders, aber sie wisse ja bestimmt selber, wie schwer das sei, da an richtige Informationen und insbesondere Anleitungen zu kommen, wie man die linkshändigen Kinder unterrichten kann.
Und dann würde ich ihr entweder eine Häkelanleitung für Linkshänder übergeben oder zumindest die Erklärung, dass man sich gegenüber setzen soll, um was zu zeigen. Und das ältere Kinder oder Eltern, die es linkshändig zeigen könnten, am besten wären.
Viele liebe Grüße
Susanne
Hallo Andrea,
in "Das linkshändige Kind in der Grundschule" aus dem Auer-Verlag ist eine bebilderte Häkel-, Strick und Stickanleitung für Linkshänder, die du kopieren und der Lehrerin geben könntest, bzw. die Anschaffung des Buches für die Schule vorschlagen.
Wie wollen die denn Kinder mit "wirklichen" Problemen integrieren, wenn es bei einem Linkshänder schon solche Schwierigkeiten gibt.
Gruß und viel Erfolg
wünscht
Ursa
Hallo,
den Text "Rechts von Links unterscheiden" hat eine andere Susanne geschreiben, da muss ich mir wohl doch ne Unterscheidung ausdenken *zuwink*.
Ich bin die mit der fünfjährigen Tochter, wir beide LH, und alles in Sachen LH läuft prima. Die zukünftige Lehrerin meienr Tochter hat mich letztens aufgefordert, eine Schreibunterlage für mein Kind mitzubringen, falls ich wollte.
Tschüßi
Susanne
So ein Unsinn! Alsob alle Menschen gleichformige Robots werden sollen
Entschuldigung dass ich keine wesentliche Antwort geben kann (haben jedoch Anderen schon gemacht), aber so eine Geschichte finde ich anno 2003 fast unglaublich! Ich hoffe Sie werden eine gute Lösung finden.
Freundlichen Gruss,
Johan
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