Vollständige Version anzeigen : Klavier für Linkshänder ist nicht professionell
An alle Interessierten,
ich bin künstlerisch tätig und frage ernsthaft, ob man Kindern einen Unterricht an einem gespiegelten Klavier zumuten sollte, zumindest wenn man diesbezüglich eine berufliche Laufbahn anstrebt oder nicht völlig ausschließt. Als Spielerei für den Haus- und Hobbygebrauch ist es gleich, wo die Tasten liegen. Bei Instrumenten, die man mit sich schleppen kann, die beweglich sind, gibt's sicher auch keine Probleme. Es geht ums Klavier.
Ein Klavier ist eine Immobilie, und gleich, ob man Unterricht in einer Musikschule nimmt, Klavier studieren will, als Jazz- oder Barpianist einen "normalen" Flügel benutzen muss, in der Kirchenmusik an die Orgel darf, oder man sich beispielsweise als Darsteller, Kabarettist etc. selbst am Klavier begleitet - die Klaviere stehen IMMER vor Ort, und wenn man nicht ein ganz großer Held wird, der seinen goldenen Flügel für jedes Konzert exklusiv einfliegen lässt, hat man sich mit den Bedingungen vor Ort zu arrangieren. Das sollte sich jede/r überlegen, bevor man/frau im Überschwange der Linkshändigkeit für seine Kinder ein Linkshänderklavier anschafft. Sonst verhindert man die musikalische Entwicklung der Kinder und schadet der künstlerischen Laufbahn möglicherweise (hoch)begabter Menschen.
Die Gefahr der Umschulung an einem normalen Instrument halte ich für relativ gering, Fingersätze kann man entsprechend ändern, die Lehrer müssen halt drauf hingewiesen werden. Geringer zumindest als die Verhinderung einer späteren praktischen Berufsausübung beisp. als Pianist.
Gleiches geht mir durch den Kopf, wenn Kindern beigebracht wird, zur Begrüßung die Linke statt der Rechten zu geben. Was ist so schlimm daran, wenn man die Rechte gibt? Das Handgeben ist kein hochkomplexer Vorgang wie das Schreiben, es ist nicht mit Erinnern und Reproduzieren von Erlerntem/Erarbeitetem verbunden, es ist ein sehr einfacher Vorgang. Dabei geraten die Hirnhälften sicher nicht in komplette Verwirrung, die kann es allerdings geben, wenn man den Chef und die ganze Runde fröhlich mit links begrüßt. Was'n das für'n Spinner? Ist sicher nur die erste harmlose Reaktion. Es gibt nun mal Konventionen und Codes, wer die nicht kennt und (zumindest formal) einhält, hat von vornherein keine Chance! Wenn ein Kind die einfachsten Regeln des Anstandes, der Höflichkeit und gängiger Umgangsformen nicht kennt, wird es per se zum Außenseiter gestempelt - leider diesmal von eifrigen Linkshändern.
Beste Grüße
Lilo
als Gast Bärbel
04.02.2007, 09:45
Hallo Lilo,
bei der Musik bin ich ein passiver Geniesser und habe mir bis zu meiner Rückschulung auf die linke Hand keine Gedanken über Händigkeit bei Musikinstrumenten gemacht.
Bei der Begrüßung verhält es sich anders. Hier hatte ich durch meine Linkshändigkeit die erste negative Begegnung in meinem Leben. Im nachhinein hat es sich als ein Glücksfall erwiesen. Schon im Kleinkindalter wußte ich, dass ich Linkshänderin bin. Ein grober Fehler ist, dass weder der Schuleignungstest noch die Pädagogen auf die Händigkeit eingehen.
Gruß Bärbel
Hi Bärbel,
"Bei der Begrüßung verhält es sich anders. Hier hatte ich durch meine Linkshändigkeit die erste negative Begegnung in meinem Leben. Im nachhinein hat es sich als ein Glücksfall erwiesen."
Glück gehabt! Es kommt auch immer auf die Situation an. Zumindest sollte man wissen, dass die Konventionen in der Öffentlichkeit so sind, dass die Rechte gegeben wird. Man manövriert sich sonst schnell selbst ins Aus, und das ist es nicht wert. Bei Tischsitten würde ich das z.B. schon individueller sehen.
"Ein grober Fehler ist, dass weder der Schuleignungstest noch die Pädagogen auf die Händigkeit eingehen."
Das ist ein riesen Fehler. Beim Schuleignungstest könnten entscheidende Weichen gestellt werden. Hat man nicht inzwischen erkannt, dass Umschulung einer Körperverletzung gleicht? Was kann man tun, dass Händigkeit ein Kriterium beim Schuleignungstest wird?
Gruß
Lilo
als Gast Bärbel
04.02.2007, 18:47
Hi Lilo,
Glück gehabt! Es kommt auch immer auf die Situation an. Zumindest sollte man wissen, dass die Konventionen in der Öffentlichkeit so sind, dass die Rechte gegeben wird. Man manövriert sich sonst schnell selbst ins Aus, und das ist es nicht wert. Bei Tischsitten würde ich das z.B. schon individueller sehen.
Das mag für Kinder, Heranwachsende und Erwachsene gelten, aber mit 3-4 Jahren???
Da macht man dann die Erfahrung für`s Leben.
Das ist ein riesen Fehler. Beim Schuleignungstest könnten entscheidende Weichen gestellt werden. Hat man nicht inzwischen erkannt, dass Umschulung einer Körperverletzung gleicht? Was kann man tun, dass Händigkeit ein Kriterium beim Schuleignungstest wird?
An den Forenbeiträgen erkennst Du, selbst Eltern mit Kindern, die bereits in die 3. Klasse gehen, sind sich über die Händigkeit ihrer Kinder im Unklaren. Nicht bei jedem ist die Händigkeit ab Geburt stark ausgeprägt und zu erkennen. Wenn es dann in der Familie nur Rechtshänder gibt, taucht der Gedanke der Händigkeit gar nicht auf. Solange es keine gesicherten Untersuchungsmethoden im Babyalter gibt, wird es Umschulungen geben. Die Folgen abzumildern wird nur gelingen, wenn das Thema "Händigkeit im Allgemeinen" in der Öffentlichkeit Beachtung findet.
Da das 3. Schuljahr anscheinend eine Schlüsselrolle spielt, könnte eine Untersuchung im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung für Kinder in diesem Alter hilfreich sein.
Gruß Bärbel
Das mag für Kinder, Heranwachsende und Erwachsene gelten, aber mit 3-4 Jahren??? Da macht man dann die Erfahrung für`s Leben. <<
Man muss ja nicht die "gib-doch-das-schöne-Händchen-Nummer" anwenden, die Linke nicht abwerten. Könnte man das nicht spielerisch angehen? Die Linke ist die richtige Hand, aber Tante Hilde gibt die Rechte, weil das ihre richtige Hand ist. Und weil es sooo viele Tante Hildes gibt, mache ich mir ein Spiel daraus und gebe Tante Hilde die Rechte, das freut sie und mir macht's super Spaß, zu sehen, wie gut ich die andere Hand geben kann - das geht ganz leicht!
Gruß, Lilo
Gerade im Fall Klavier gibt es wenige Gründe, sich übermässig zu ereifern. An sich, da gebe ich Klaus recht, sieht die Behauptung, daß überall nur RH "Immobilien"klaviere herumstehen, sehr nach einem totschlag-Argument aus.
Dazu muss man in jedem Fall bedenken, wie bedrängt der Markt für die Fabrikanten herkömmlicher Klaviere im Moment ist, wegen dem Vormarsch elektronischer instrumente. Dazu kann man sich stellen wie man will, Tatsache ist, daß man ein elektronisches Keyboard ohne weiteres spiegeln kann, also es gibt da für linkshänderspezifische Musikerziehung eine Öffnung.
Das Problem ist jedoch daß die Händigkeit auf Tasteninstrumenten nicht so eindeutig ausschlaggebend ist wie - das Beispiel wurde ja kürzlich genannt - bei der Blockflöte zB. Ich erinnere mich nur zu gut, wie das ging mit der Blockflöte. Ich kriegte die Sache mit dem Abdecken der unteren Löcher nie richtig auf die Reihe, und das nahm mir dann die ganze Konzentration für all die anderen Dinge, die ich noch machen sollte; z.B. die Flöte nicht fallenlassen...Also verschwand die Tute im Schrank, wo sie auch blieb. Ich bin sicher, daß eine Flöte mit den unteren Löchern an der anderen Seite mir den Start erleichtert hätte.
Auf einem Tasteninstrument gibt es je nach Repertoire für den Linkshänder entweder überhaupt keine Schwierigkeiten, die sich _wesentlich_ von denen des Rh.-spielers unetrscheiden, oder aber es entsteht die Notwendigkeit, genau so methodisch zu arbeiten, wie wenn ein Rh.-Spieler ein Stück unter die Hände bekommt, in dem die linke Hand sehr gefordert wird. Solche Situationen sind häufig, und _alle_ Pianisten stöhnen über diese Herausforderung.
So lange man, ohne Einblick in die Geschichte des Repertoires (in dieser Beziehung), und ohne Einsicht in die methodischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten, einfach nur glaubt das das Klavier auch so ein instrument ist wo die Linkshänder im Nachteil sind, so lange funktioniert leider die ansonsten fundierte und sympathische linkshänderfreundliche Denkweise auch nur als ein Totschlag-argument. Ohne Differenzierung ist kein Kenntnisaufbau möglich, das sollte ein Linkhänderberater am ehesten wissen.
Zum Hintergrund: als ausführender Lh. Musiker der sich mit historischer Aufführungspraxis und mit historischen Tasteninstrumenten beschäftigt, hat sich für mich die Frage nach einem Linkhänderklavier nicht gestellt. Es war daher notwendig, für mich Methoden zu entwickeln, die meine Arbeit meiner Anlage entsprechend ermöglichen. Ich bin dabei bewußt nicht den Weg des Verneinens und Veleugnens gegangen, sondern habe versucht zu analysieren, was in meiner musikalischen Frühausbildung alles unterlassen bzw. falsch eingefädelt wurde. Das gab eine Menge Anhaltspunkte (und ziemlich viel Psychoschrott) - letzten Endes war es dann aber nicht die Orientierung des Klaviers, sondern die Unfähigkeit des Lehrers, die diese probleme verursacht haben.
Wer eine weniger abstrakte und mehr assoziative Annäherug an das Thema sucht kann das Buch "Wolfssonate" von Helene Grimaud lesen; gibt´s bei Amazon.de
Tilman
Das mag für Kinder, Heranwachsende und Erwachsene gelten, aber mit 3-4 Jahren??? Da macht man dann die Erfahrung für`s Leben. Man muss ja nicht die "gib-doch-das-schöne-Händchen-Nummer" anwenden, die Linke nicht abwerten. Könnte man das nicht spielerisch angehen? Die Linke ist die richtige Hand, aber Tante Hilde gibt die Rechte, weil das ihre richtige Hand ist. Und weil es sooo viele Tante Hildes gibt, mache ich mir ein Spiel daraus und gebe Tante Hilde die Rechte, das freut sie und mir macht's super Spaß, zu sehen, wie gut ich die andere Hand geben kann - das geht ganz leicht!
Gruß, Lilo
Hallo Lilo,
MEINE richtige Hand und die meines Sohnes ist aber die linke, warum kann mir dann Tante Hilde nicht ihre linke Hand geben, ist doch ein Spiel und macht soo viel Spaß, wie leicht sie die andere Hand geben kann )-:
Erst recht, wo sich doch immer mehr Menschen als LH bzw. ULH entpuppen.
Bei meinen Kollegen stört sich inzwischen niemand mehr an meiner angebotenen Linken, die meist mit rechts genommen wird.
es grüßt Dich
Reka
als Gast Bärbel
05.02.2007, 21:30
Hallo Lilo,
..... Tante Hilde freut sich, würde sie sich auch freuen, wenn man ihr die linke Hand anbietet?
Wenn das Kind eine richtige Hand hat, was ist dann die andere Hand, die falsche?? Wo beginnt bei Dir eine Umschulung? Eine weitere Frage, bist Du Linkshänderin, Rechtshänderin oder umgeschulte Linkshänderin?
Viele Grüße von Bärbel, die aus Gewohnheit die rechte Hand zur Begrüßung gibt.
Dazu muss man in jedem Fall bedenken, wie bedrängt der Markt für die Fabrikanten herkömmlicher Klaviere im Moment ist ..."
Das wird in Zukunft sicher nicht besser, leider. Ein Klavier/Flügel ist eine größere Anschaffung für ein Institut, die, wenn überhaupt, alle Jubeljahre passiert. Ein LH-Klavier zusätzlich zu einem RH-Klavier zu kaufen, ist für die Institute finanziell einfach nicht drin. Wer einigermaßen Augen im Kopf hat, hört und sieht doch, dass als erstes an der Kultur gespart wird. Siehe z.Z. Thüringen, an Ost-Theatern wird oft unter Tarif gearbeitet, der ohnehin nicht üppig ist, ohne Zusatzleistungen (wie Weihnachts-und Urlaubsgeld) aber auch im Westen - für die Kultur bleibt immer weniger Geld übrig. Eine üble Entwicklung, da scheint mir der Ruf nach Linkshänderklavieren geradezu weltfremd.
...so lange funktioniert leider die ansonsten fundierte und sympathische linkshänderfreundliche Denkweise auch nur als ein Totschlag-argument. Ohne Differenzierung ist kein Kenntnisaufbau möglich ...<
Danke für diesen wunderbar fundierten und unaufgeregten Beitrag.Toi toi toi für Ihre künstlerische Arbeit.
Lilo
Gerald RLH
14.02.2007, 15:53
Hallo,
kann mir jemand mal kurz erklären, wieso es Linkshänderklaviere gibt? Ich habe keine Ahnung vom Musikinstrumentespielen. Es interessiert mich nur. Ich dachte bisher immer, ist ein beidhändiges Instrument, da spielt die Händigkeit keine Rolle.
Gruß Gerald
Hallo Gerald,
schau auch mal hier herein:
http://www.linkshaender.at/th_musikinstrumentenspiel.htm#h7
Das Thema ist hier gut beschrieben.
Grüße, Lilo
Gerald RLH
14.02.2007, 19:55
Hallo Marie,
prima,vielen Dank. Das Thema ist da wirklich sehr gut beschrieben. War neu für mich. Danke!
Gruß Gerald
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